Schlagwort: St. Pauli

  • Fritzis

    Fritzis

    Ey, Safety first, ganz klar.
    Fahrradfahren gerne mit Helm, im Auto immer anschnallen. Aber was ist das eigentlich für eine Welt, in der inzwischen vor jedem Alltagsding ein Security steht?

    Früher hat noch ein schlecht gelaunter Bademeister mit Wampe und Schnauzbart gereicht, um für Ordnung zu sorgen, heute stehen am Eingang des Freibads Typen mit Quarzhandschuhen. Und vor dem Supermarkt wirst du nicht mehr von den Leuten gemustert, die dir nen Wachturm andrehen wollen, sondern von einem, der aussieht wie ein Sondereinsatzkommando-Laienschauspieler.

    Seit Corona ist alles Ausnahmezustand und zwar nicht mehr nur die Orte, die es alkoholbedingt schon vorher waren. Wie zum Beispiel der Kiez, wo man meistens recht froh war um die stiernackigen Geschichtstätowierten, die Billstedter Pachas und rotzvolle Hannoveraner JGAs im Schach gehalten haben.

    Deswegen ist es gerade so erstaunlich, dass man gerade hier so etwas Unberührtes wie das Fritzis findet. Das Lokal wirkt fast ein bisschen, als hätte man es wie Kolonialkunst einst Eppendorf geraubt und weigert sich jetzt, es dem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben. Es ist hier nochmal ein gutes Stück behaglicher als in der unweiten “Ü30-Schanze” Paul-Roosen-Straße, wo man auch das Mutterrestaurant des Fritzis, den Krug, findet.

    Und das mit der Behaglichkeit zieht sich auch beim Essen durch. Wenn auch die Vorspeisen nicht so meins waren und das Pilz-Ceviche bei meinem Ceviche-Rant gern mitgemeint sein darf, haben es die Hauptspeisen komplett rausgerissen. Das Saltimbocca mit Polenta war Comfort Food, aber mit feiner Klinge statt Holzhammer und auch die Pilz-Tortellini überzeugten mit viel Umami und genau der halben Hand mehr Pasta, die einem das Gefühl gibt, dass da jemand eine große Portion Liebe aus der Küche schicken will.

    Eine Oase inmitten des Wahnsinns. Nehmt alle Stiernacken aus allen Supermärkten und Freibädern Hamburgs und beschützt es um jeden Preis.

    Ideal für: Kiez, aber keinen Bock auf Kiez

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  • Old Commercial Room

    Old Commercial Room

    Die meinen das ernst!

    Die meinen das wirklich ernst!

    Diese ganze in dunkles Holz  gegossene Hanseatigkeit.
    Dieses Mikadogebilde aus Devotionalien.
    Diese penible Genauigkeit, mit der in Bild und Schrift festgehalten wird, wer hier schon mal da war und wo genau.
    Diese Innenarchitektur, die eigentlich eine Zeitkapsel der alten Bundesrepublik ist.
    Das meinen die alles wirklich ernst! Das ist nicht einfach nur Dekoration, um irgendwelche verpeilten Michelbesucher mit dem Versprechen einer vermeintlichen Hamburgensie in das Lokal zu locken. Der Old Commercial Room ist! wirklich! so!

    Nichts ist Fassade, nichts ist Verkleidung. Die Messingbeschläge und die Mahagoniholzwände sind keine Zier, sie sind ein nicht in Frage zu stellender Teil der DNA. Es entspringt alles der tiefen Überzeugung, dass dieses Restaurant nur genau so aussehen kann.

    Und genauso ernst meinen die auch das Essen. Der Labskaus ist eben nicht so gemacht, dass er für die Touristen schon reicht, sondern mit so viel Ernsthaftigkeit, als könnten jederzeit die als Foto an der Wand hängenden Freddy Quinn, Heidi Kabel oder Helmut Schmidt zur Tür hereinkommen und hanseatische Rechenschaft einfordern.

    Die meinen das alles wirklich und aufrichtig ernst.

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    Ideal für: mit Besuch von außerhalb

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  • Bodega Lima

    Bodega Lima

    Dass sich die meisten Menschen sehr bewusst sind, dass der Klimawandel ein bedrohliches Problem ist, zeigt ein Blick auf die Rangliste der beliebtesten Namen für männliche Neugeborene. Ich glaube nämlich kaum, dass man bei der Wahl des Namens “Noah” nur an den Sohn von Boris Becker gedacht hat, sondern eher die leise Hoffnung trägt, dass wenn der Bub schon nicht die kalte Fusion oder ein Verfahren zur energiearmen Herstellung von e-fuels erfinden wird, dass er doch zumindest zum passablen Archenzimmerer gedeiht, sollte wirklich der ganze Rest schieflaufen.

    Neben so ner Holzkiste mit Zoo würde ich ja für steigende Meeresspiegel auch einfach Peru in Betracht ziehen. Die haben einerseits ein paar Sechstausender und wissen andererseits recht gut, was man mit mehr Meer so anstellen kann. Ceviche zum Beispiel. Wenn das zu weit ist, dann geht auch die Bodega Lima. Hier fällt schon mal positiv auf, dass was hier Ceviche heißt auch Ceviche ist, während die restliche Gastronomielandschaft inzwischen wirklich jede Art von kalten Fisch so bezeichnet (RIP Sashimi). Klassisch gehalten überzeugt es nicht nur, weil man inzwischen fast nur noch sehr kreative Interpretationen des peruanischen Nationalgerichts bekommt und wird eigentlich nur vom sensationell knusprigen und weichen Chicharron (Schweinebauch) getoppt.

    “Zwei von jeder Art” kann daher sowohl ein herrgöttlicher Befehl an Noah sein als auch meine Bestellung nach einem Blick auf die Gänge in der Bodega Lima.

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    Ideal für: endlich mal wieder Ceviche wie früher

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  • XO Seafoodbar

    XO Seafoodbar

    Besonders dämlich finde ich es ja immer wenn man Städte durch den Vergleich mit anderen Städten beschreibt. Vor allem weil die Umkehrung nie funktioniert. Niemand würde Paris als “das Bukarest des Westens” bezeichnen. Wenn man “Elbflorenz” weiter spinnt, müsste man Firenze als “Arnodresden” bezeichnen. Und höchst selten liest man von New York als “Hudsonfurt”, während “Mainhattan” in jeder hessischen Stadtmarketingbroschüre steht. Und wenn sich Vilnius als das “Jerusalem des Nordens bezeichnen” weiß ich eh gar nicht mehr was ich fühlen soll. Nicht nur der Mensch, auch Städte tanzen einen Flamenco zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, in dem man mal ganz eng, mal ganz fern voneinander ist und auch immer mal wieder stolpert. Getrieben von dem Wunsch, sich etwas mehr Flair zu verleihen als es einem bisher zugestanden wird. Im XO klappt das seit letztem Jahr allerdings ziemlich gut. Recht viel mehr Piazza wird man in Norddeutschland nicht hinbekommen. Und während im letzten Jahr kurz nach der Eröffnung einige Gerichte gut und nur ein paar extraordinary waren, ist inzwischen jeder einzelne Gang ohne Ausnahme ein Seafood Erweckungserlebnis. Also: italienisches Piazzaflair mit skandinavischer Seafoodbarkulinarik – dann verleihe ich hiermit, falls ihn irgendwer unbedingt nutzen möchte, den folgenden Titel: Das XO ist das Mailand-Kopenhagen Hamburgs.

    Ideal für: Essen, sehen und gesehen werden

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  • Grilled Cheese Wonderland

    Grilled Cheese Wonderland

    Deutsche Comedians machen ja gerne Witze darüber, dass irgendwelche hippen InnenstädterInner mit dem SUV zum Biomarkt fahren und denken dann sie haben Humor durchgespielt. Schenkelklopfer, genial, wirklich fein beobachtet. Und wenn der nicht zündet haut man gerne das alte Bonmot raus, dass der Deutsche sich ja gerne einen Fünftausendeuro-Grill kauft, aber dann Würstchen für 50 Cent aus dem Discounter drauflegt. Megarofl, da kommen den BesucherInnen im Gemeindezentrum Oer-Erkenschwick einfach nur noch die Tränen.

    Auch wenn das Ziel dieses Witzes das Billofleisch sein soll muss man hier doch auch mal den hochwertigen Grill in Schutz nehmen. Denn so wichtig gute Zutaten natürlich sind, so kommt es eben doch auch drauf an, wie man Dinge erhitzt. (Wer mir nicht glaubt schaut sich bitte dieses TikTok-Video an, in der die Eine ein Steak im Toaster macht. Aber bitte tut mir einfach einen Gefallen und glaubt mir, das wollt ihr euch nicht antun.) Das Spektrum zwischen Essen erwärmen und Essen verbrennen ist breit und voller Gefahren und irgendwo dazwischen liegt perfektes Grillen. Und wer das mal live erfahren möchte, schaut bei Grilled Cheese Wonderland vorbei. Selten hab ich so ein perfekt gegrilltes Grilled Cheese gegessen, bei der knusprigen, karamellisierten Außenschicht vergisst man fast den Fakt dass da zwischen den Brotscheiben nicht einfach nur Cheese sondern Mac’ and Cheese warm vor sich hinschlotzt. Dazu kann man sich übrigens abgefahrene Dosenbiere mitnehmen, unter anderem mit Ananas, Passionsfrucht und Pfirsich. Aber lasst euch nicht von irgendwelchen Stand Uppern erwischen! Nichts lieben Boomer-Comedians mehr als das Deutsche Reinheitsgebot und wenn die Kleinkunstbühnen des Landes wieder aufmachen nur damit da irgendwelche Hot-Takes über Craft Beer verbreitet werden … dann haben wir aus der ganzen Sache echt gar nichts gelernt.

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    Ideal für: Auf die Hand

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  • Slim Jims

    Slim Jims

    Es ist mir ja eigentlich egal. Aber eigentlich heißt es Guide. Französisch ausgesprochen. Wie “Gied”. [ɡid]. Nicht Guide. [ɡaɪ̯d]. Wie der Survival Guide. Oder der Tourist Guide. Wenn ich irgendwo mit nem Regenschirm rumstehe dann nicht um irgendwelchen Erikas aus Kassel den Kiez zu zeigen, sondern weil ich mal wieder bei Sauwetter an nem Stromkasten was futtere. Guide Pelzenstein. Wie der Guide Michelin. Im Gegensatz zu denen mach ich zwar keine Reifen, höchstens unreife Witze – aber n bisschen ist der Restaurantführer mit dem dicken Männchen eben schon Inspiration für diesen Instagram-Restaurantführer mit dem anderen dicken Männchen (Lockdown hit me hard). Auch weil die Bewertung schlau ist: 1 Stern ist einen Stop wert, 2 Sterne ist einen Umweg wert, 3 Sterne ist eine Reise wert. 

    Das Slim Jim gibts zwar noch nicht so lange wie den Guide Michelin aber immerhin schon seit 2009 und das war ne Zeit in dem sich noch nicht so richtig viele Läden Gedanken über Pizza gemacht haben und in der es noch keine Hefejunkies gab, die 72 Stunden cold fermenten und Hydrations-Ratios im Schlaf runterbeten können. Als große Innovation galt vielleicht Käse im Rand und “neapolitanisch” hielten die meisten für eine Verfahrensweise, wie man unliebsame Konkurrenten verschwinden lassen konnte. Und da fing Slim Jim mit den namensgebenden, sehr dünnen Pizzen an. Denn dünne Pizzen waren damals noch ein Qualitätsmerkmal. Und jetzt, nachdem man nach einiger Zeit mal da wieder da war? Bei ner dünnen Pizza kann man jetzt natürlich nicht wie so ein Mehlsommelier dastehen und über die Nuancen des Teigs fachsimpeln. Und die Tomate war vielleicht nicht ganz so geschmacksintensiv. Aber meine Lieblingscombo von vor 10 Jahren, Salsiccia und Zwiebeln, ist dann doch immer noch ziemlich gut. Und auch wenn ich jetzt nicht 3-Sternemäßig durch die ganze Stadt reisen würde, um ne Slim Jim Pizza zu essen, so kann man 1- oder 2-Sternemäßig gerade in der gastromäßig gar nicht so reich beschenkten Schanze durchaus nen Stop oder nen Umweg einlegen. 

    Ideal für: einen Stop oder einen Umweg

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  • Mexiko Straße To Go

    Mexiko Straße To Go

    Die Welt ist keine Kugel. Die Welt ist eine Scheibe. Eine weiche, warme Scheibe aus Maismehl die in regelmäßigen Abständen von einer galaktischen Schildkröte in der Mitte zusammengefaltet wird. Was wir als Berge wahrnehmen, ist in Wirklichkeit eine riesige Menge geschmortes Rindfleisch, das von den Illuminaten als Opfergabe in der Mitte der Scheibe dargereicht wird. Chemtrail-Flugzeuge der Schattenregierung streuen Chicharronpulver über das Ganze und die Echsenmenschen treiben uns mit Zweibelwürfeln Tränen in die Augen, die sie dann heimlich Abzapfen können um ihre Raumstation auf der dunklen Seite des Mondes zu betreiben. Die Welt ist ein Taco! Wacht endlich auf!!!!!!!

    Ideal für: Alle, vom Schlafschaf bis zum Verschwörungstheoretiker

  • Ume no Hana

    Ume no Hana

    Was haben Schuhe und Schlüssel eigentlich gemeinsam? Hat man früher einfach Türen mit dem Fuß aufgetreten und durch viele Innovationen und konstante Weiterentwicklung hat sich daraus der praktischere Türöffner “Schlüssel” entwickelt? Oder wurden frühe Schlüssel einfach auch aus Leder hergestellt, bis einem klar wurde, dass man damit nicht das Auto des untreuen Ehemanns zerkratzen kann? Irgendeinen triftigen Grund muss es doch geben, warum Schlüsseldienste und Schuhereparaturen immer von denselben Läden angeboten werden. Und vor allem: warum das ein Erfolgsmodell zu sein scheint. Man weiß ja aus der Gastro zur Genüge: Wenn jemand zwei oder mehr komplett unterschiedliche Dinge anbietet, wirds selten geil. Und selbst wenn die beiden Dinge gar nicht mal so weit auseinanderliegen (naja, 3800 km), am Ende sind vietnamesische Pho und japanische Ramen ja beides Nudelsuppen. Und was sie auch gemeinsam haben: im Ume no Hama sind beide so okay. Ähnlich wie die Vorspeisen. Kann man machen, muss man aber nicht. Haut keinen um, genauso wenig wie keinen mehr die komplett absurde Kombination von Schuh- und Schlüsseldienst umhaut.

    Ideal für: Paare und Gruppen die sich nicht zwischen Ramenbar und Vietnamese entscheiden können

  • Saint Pablo’s

    Saint Pablo’s

    Ich möchte ein goldenes iPhone in einer Hülle aus Hirschleder. Ich möchte Sekt auf Eis und das Eis ist aus Champagner. Ich möchte mit einem Jetski im Handgepäck auf die Seychellen fliegen. Ich möchte eine Rolex mit Diamanten und in jedem Diamanten steckt eine Miniatur-Rolex. Ich möchte Donald Trumps Trump-Tower-Appartement nur um da die Klamotten für den Flohmarkt abzustellen. Ich möchte dass Coldplay live Fahrstuhlmusik für mich spielt, wenn ich in einer Telefonwarteschleife stecke. Ich möchte mit Perrier duschen und mir mit Courvoisier die Hände desinfizieren. Ich möchte eine G-Klasse Landaulet, in der der Zigarettenanzünder mit einem eigenen AMG V8 betrieben wird. Ich möchte jemanden, der für mich Zigarren raucht. Und ich möchte meine Tacos weiterhin so geisteskrank üppig vollgestopft wie bei Saint Pablo’s, zusammen mit einer komplett überdesignten Dose Bier.

    Opulenz ist ein menschliches Grundrecht.

    Ideal für: schnelles Abendessen, schönes Wetter

  • Dim Sum Haus

    Dim Sum Haus

    TSCHINA! TSCHEINA! TSCHAINA!!!! Wie froh kann man eigentlich, sein dass der orange Agitator bald nicht mehr den roten Knopf in der Hand und die große Fresse hinter dem präsidialen Rednerpult hat? Und das asiatische Land für alles und vor allem die eigene Inkompetenz blamen kann? Dann denkt man bei “chinesich” vielleicht auch endlich mal wieder ans Essen. In den 90ern war “der Chinese” ja der Inbegriff der Exotik, was mich aber als leicht übergewichtigen Teen trotzdem nie dazu inspiriert hat, mal was anderes als “Schweinefleisch süß-sauer” zu bestellen. Dass da noch n bisschen mehr geht bekommt man aber gar nicht mehr so leicht mit, da ja inzwischen jedes China-Restaurant gefühlt einem Thai, Vietnamesen oder Koreaner weichen musste. Nur das Dim Sum Haus trotz seit fünf Jahrzehnten diesem Trend. Und zwar mit voller Wucht. Das Interieur hat eine so wunderbare chinesische Trutschigkeit, dass es fast schon an Stereotypie grenzt. Sieben Präsidentenamtszeiten hält man aber nicht nur mit ein paar Ming-Vasen und Wandlaternen durch: die Dim Sums aus der reichhaltigen Karte sind wirklich großartig, man sollte viele bestellen und unbedingt auf die Tipps der Kellner hören. Trotzdem aber bitte noch etwas Platz lassen für die Peking-Ente. Die ist alles andere als eine “lame duck”, sodass um die knusprige Haut des Geflügels schon bald bilaterale, diplomatische Krisen an beiden Enden des Tisches entstehen. Die Ente und die Dim Sums gibt’s gerade jetzt im November übrigens auch für Zuhause. Das ist insofern vorteilhaft, weil man eine Peking-Ente quasi unmöglich selbst zuhause hinbekommt und man sich gleichzeitig nicht mit dem etwas ungeschickten Empfangspersonal des Dim Sum Hauses rumärgern muss. Naja, die letzten 4 Jahre haben eben dann doch zu einer gewissen Sittenverrohung beigetragen.

    Ideal für: 90er Nostalgie, viel Hunger (man möchte einfach möglichst viele Dim Sums probieren), Gruppen (dann bekommt man den Tisch mit der Drehplatte)

  • Kokomo Noodle Club

    Kokomo Noodle Club

    Dieser Körper ist ein Gefängnis. Meine Artgenossen springen von Sims zu Sims, liefen über heiße Blechdächer und tanzten über die Bühnen der Musicaltheater. Aber ich bin hier, in die Unbeweglichkeit verdammt. Die Augen starr geradeaus, die Hinterläufe mit dem Unterkörper vollends verschmolzen, den rechten Arm wie angeklebt angelegt. Nur die linke Pfote, diese verfluchte linke Pfote ist das letzte Zeichen meiner Lebendigkeit. Ein letzter Rest Würde, ein letzter Rest Bewegung. Der letzte Weg um mich der Welt mitzuteilen. Und dann ist alles, was ich machen kann: auf und ab, auf und ab, auf und ab, auf und ab, auf und ab. Winke, winke. Bye, bye, bye, bye. Machts gut, machts gut, machts gut. Das Universum ließ mir nicht mal mehr ein Wort, nur noch ein Geste, eine einzige unmissverständliche Geste, eine einfache Botschaft, die ich den Anderen mitgeben kann und sie lautet: geht!

    Nur eine halbe Drehung würde reichen und ich könnte sie heranwinken, könnte sagen: “Kommt her, leistet mir Gesellschaft. Tretet ein, labt euch. Erlebt die Freuden die mir nicht mehr zugestanden werden. Esst die hervorragenden Gyozas, das knusprig-sabschige Korean Fried Chicken, die Ramen mit wunderbaren Biss. Trinkt, esst, streitet, küsst, tanzt, schlagt euch!” Nur eine kleine Drehung der Pfote, und die Welt würde mich endlich verstehen.

    Wieviel Leben haben Winkekatzen, und wann ist dieses endlich vorbei?

    Ideal für: Weeknight Dinner

  • Reep

    Reep

    Man hat’s hier nicht leicht als Genuss. Nur eine Straßenecke weiter säuseln die Dienstleisterinnen in Moonboots ein hauchzartes “Na Kleiner, heute Nacht schon was vor?” in dein Ohr um einen zum Koitus zu verleiten. Oder zumindest zur Abhebung am nächsten Geldautomaten. Dazwischen Bars, die einem anbieten, die Sinne mit allem zu betäuben, was die Menschheit so an Brau- und Brannterzeugnissen bisher hervorgebracht hat, von der Wodkabombe bis zum Herrengedeck. Man kann sich der Ekstase des Tanzes hingeben, oder das was man zu diesem Zeitpunkt noch für Tanz hält. Und möchte man mit seinen Sinnen die Pfade des Legalen verlassen, wird einem auch die nahe Davidswache davon kaum abhalten können. Für den Geschmackssinn war die Reeperbahn bisher allerdings eher ein unbefriedigendes Gebiet, zumindest nüchtern. Das Reep, etwas versteckt im Schmidts Tivoli und explizit nicht als reines Theaterrestaurant gegründet, schickt sich an daran etwas zu ändern. Und es scheint ihnen zu gelingen. Ein paar bodenständige Originale wie Labskaus und Roulade sind sehr lecker, könnten aber gerne noch die Prise Besonderheit vertragen, die zum Beispiel die Vorspeise “Angler Sattelschwein” mit dreierlei Schwein – als Pulled Pork-Krokette, als gebackene Stippe und als gebeiztes Carpaccio – hat. Die Portionen könnten gerne ein bisschen kleiner sein und die Nachspeise ein bisschen weniger süß, aber ein bisschen drüber passt ja dann am Ende auch gut zur Reeperbahn. Gerade in einer Zeit, in der die sinnliche Ekstase fast allumfassend eingeschränkt werden muss.

    Ideal für: Besuch von außerhalb, Hamburger Klassiker

  • Wohlers

    Wohlers

    Martin Luther hat alles dafür getan, dass es das Wohlers niemals hätte geben sollen. Denn als der Mann vor gut 500 Jahren ein paar historische Post-Its an die Wittenberger Kirche klebte, hatte das ganze auf lange Sicht betrachtet durchaus auch kulinarische Folgen. Die typischen süddeutschen Gaststätten, mit Völlerei, Wein und Bier und immer wieder von oben geduldet durch die Möglichkeit des befreienden Ablasshandels hatten im freudlos protestantischen Norden einfach keine Legitimation. Und so merkt man, gerade als “Zuagroaster”, dass Hamburg eben genau diese typischen Wirtshäuser fehlen. Holzvertäfelt, leicht schummrig, mit guter, bodenständiger Kücher aber auch der Möglichkeit, einfach nur für ein paar Bier hinzugehen. Das Wohlers ist da die glückliche Ausnahme. Ein paar Klassiker auf der Karte, ein paar moderne Gerichte wie Jakobsmuscheln und Pulpo, alles in einer atmosphäre bräsiger Gemütlichkeit, die geradezu nach der Errichtung einer regelmäßigen Trinkinstitution namens Stammtisch schreit. Vor allem im Sommer, wenn im Garten fast so etwas wie Biergartenatmosphäre aufkommt. Aber Vorsicht: Gegenüber ist der ehemalige Friedhof Norderreihe. Von oben beobachten also eventuell ein paar evangelische Seelen mit kritischen Blick dieses beinahe katholische Vergnügen. Von daher: Vergelt’s Gott!

    Ideal für: gemütliches Abendessen, Runde mit Freunden