Schlagwort: Restaurant

  • Kabul Bäckerei

    Kabul Bäckerei

    “Jens Friebe wuchs als Sohn eines Steuerprüfers in Lüdenscheid auf”.

    Da, da war er! Der langweiligste Satz, der jemals ins Internet geschrieben wurde.

    Dieses spektakuläre Meisterwerk der lyrischen Tristesse liegt da einfach so weitgehend unbeachtet auf Wikipedia rum, um nichtsahnenden Usern den Blutdruck spontan auf Sekundenschlaf zu senken. Um da wieder rauszukommen, braucht es schon schwere Geschöpfe vom anderen Ende der Skala, zum Beispiel ein “Wir müssen reden.” von der Lebenspartnerin, ein “Hast du mal nen Moment?” am Monatsende vom Chef oder, was bei mir sensationell gut funktioniert hat, eine kurze Nachricht, die da lautete: “Wir fahren zum Frühstück in die Kabul Bäckerei nach Harburg.”

    Schon klar, dass das ganz geiler wird als die Backfactory, aber dass es so, entschuldigt den haramen Ausdruck, saugeil wird, hätte man jetzt auch nicht denken können.

    Bolani, spinatgefüllte Fladenbrote, sensationelle Sambosas mit würziger Rinderhackfleisch oder Hähnchenfüllung und Dugh, ein leicht säuerliches, Ayran-ähnliches Joghurtgetränk mit Gewürzen sorgen dafür, dass ich bei Kabul in Zukunft nicht mehr sofort an die Tagesschau denke, sondern an köstliche Teigtaschen.

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    Ideal für: kleinen Samstagsausflug

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  • Reichlich

    Reichlich

    Da gegenüber steht dieses Haus.

    Achtet mal drauf, wenn ihr durch die Hoheluftbrücke auf die Grindelhochhäuser zufahrt. Ein sechsstöckiger Altbau, gut in Schuss, wie es in dieser Ecke Dutzende gibt. Soweit, so unspektakulär. Spektakulär ist eher, was nicht da ist:

    Die anderen Häuser.

    Das Gebäude, das vermutlich mal Teil eines Ensembles, einer ganzen Altbau-Häuserreihe war, steht da wie ein Monolith, ganz alleine, die flachen Seitenwände im starken Kontrast zur Stuckverzierten Front.
    Es wirkt vergessen und gleichzeitig omnipräsent. 
    Es steht majestätisch und scheint gleichzeitig fast physikalisch unmöglich.

    Man hat irgendwie das Gefühl, dass es eine göttliche Hand irgendwo zwischen Zeigefinger und Daumen genommen und hier in den Boden gesteckt hat. Und eventuell wurde dabei noch zufällig ein bisschen mehr mitgetragen. Eventuell hat sich dabei auch das Reichlich mitverpflanzt.

    Ein Ort, der nicht einfach österreichische Küche für Norddeutsche macht, sondern österreichische Küche, wie man sie auch Österreichern servieren würde. Der einen Heuriger-Abend etabliert und dessen Terrasse wie von Zauberhand das Flair eben genannter Schankwirtschaft erzeugt. Und bei dem man sich beim Blick in die Küche ebenfalls fragt, wie so viel Großes auf so kleinem Raum entstanden ist.

    Und so kann man an der Hoheluftbrücke in einer Singularität sitzen, mit einem guten Glas Grüner Veltliner in der Hand, und eine andere Singularität betrachten. Oder andersrum.

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    Ideal für: die letzten schönen Tage

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  • Fritzis

    Fritzis

    Ey, Safety first, ganz klar.
    Fahrradfahren gerne mit Helm, im Auto immer anschnallen. Aber was ist das eigentlich für eine Welt, in der inzwischen vor jedem Alltagsding ein Security steht?

    Früher hat noch ein schlecht gelaunter Bademeister mit Wampe und Schnauzbart gereicht, um für Ordnung zu sorgen, heute stehen am Eingang des Freibads Typen mit Quarzhandschuhen. Und vor dem Supermarkt wirst du nicht mehr von den Leuten gemustert, die dir nen Wachturm andrehen wollen, sondern von einem, der aussieht wie ein Sondereinsatzkommando-Laienschauspieler.

    Seit Corona ist alles Ausnahmezustand und zwar nicht mehr nur die Orte, die es alkoholbedingt schon vorher waren. Wie zum Beispiel der Kiez, wo man meistens recht froh war um die stiernackigen Geschichtstätowierten, die Billstedter Pachas und rotzvolle Hannoveraner JGAs im Schach gehalten haben.

    Deswegen ist es gerade so erstaunlich, dass man gerade hier so etwas Unberührtes wie das Fritzis findet. Das Lokal wirkt fast ein bisschen, als hätte man es wie Kolonialkunst einst Eppendorf geraubt und weigert sich jetzt, es dem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben. Es ist hier nochmal ein gutes Stück behaglicher als in der unweiten “Ü30-Schanze” Paul-Roosen-Straße, wo man auch das Mutterrestaurant des Fritzis, den Krug, findet.

    Und das mit der Behaglichkeit zieht sich auch beim Essen durch. Wenn auch die Vorspeisen nicht so meins waren und das Pilz-Ceviche bei meinem Ceviche-Rant gern mitgemeint sein darf, haben es die Hauptspeisen komplett rausgerissen. Das Saltimbocca mit Polenta war Comfort Food, aber mit feiner Klinge statt Holzhammer und auch die Pilz-Tortellini überzeugten mit viel Umami und genau der halben Hand mehr Pasta, die einem das Gefühl gibt, dass da jemand eine große Portion Liebe aus der Küche schicken will.

    Eine Oase inmitten des Wahnsinns. Nehmt alle Stiernacken aus allen Supermärkten und Freibädern Hamburgs und beschützt es um jeden Preis.

    Ideal für: Kiez, aber keinen Bock auf Kiez

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  • Ai Bánh Mì

    Ai Bánh Mì

    Wraps sind Burritos, bei denen man sich keine Mühe gegeben hat.

    Überhaupt: werden irgendwo zu leichtfertig Oberbegriffe benutzt, dann Obacht!
    Ein Drehspieß ist meistens kein Döner.
    Ein Top-10 Hit ist meistens nicht die Nummer eins der Charts.
    Ein Laugengebäck ist höchst selten eine Breze.
    Und deswegen ist ein Bánh Mì auch nicht einfach ein Sandwich.

    Sandwich, das ist meistens Turbohefebrötchen mit Formschinken und Remoulade. Sandwich, das ist 6-Euro Raststätten-Müll, bei dem selbst der Sanifair-Bon mehr Nährwert hat. Sandwich, das ist Studenten-WG und 13 Semester nicht mehr gereinigter Presstoaster mit auf Diamanthärte eingebrannten Ablagerungen von Schmelzkäsescheiben.

    Sandwiches sind ein Synonym für Convenience geworden. Und eigentlich ist Convenience ja nichts Schlimmes. Im Endeffekt ist jede Art von Essen gehen Convenience, auch Sterneküche, weil es ja immer bequemer ist, wenn das einer für einen macht, als wenn man das alles selbst kochen müsste. Problematisch wird Convenience ja nur, wenn der Hersteller sichs bequem macht, immer nur das Schnellste, das Billigste, das Einfachste nimmt. Und genau das wird bei Bánh Mì eben nicht gemacht – und zum Glück macht das auch Ai Bánh Mì nicht.

    Es wird halt nicht irgendein Billo-Baguette genommen, sondern ein eigenes Brot aus Weizen und Reismehl, dass die perfekte Kombination aus leicht knusprig und doch fluffy und squishy ist. Es wird eben nicht mit Butter oder der noch billigeren Variante Industrie-Remoulade bestrichen, sondern mit Leberpaté. Es wird nicht eine Scheibe der billigsten Hollandtomate draufgelegt, sondern eingelegtes Gemüse, das erstmal ein bisschen Zeit braucht. Und es wird auch nicht mit irgendeinem kalten Aufschnitt aus der Großmarktverpackung belegt, sondern mit gegrilltem Schwein, Hähnchen oder Tofu, die auch als Hauptgericht auf einem Teller hätten landen können.

    Ein Bánh Mì ist ein Sandwich, aber ein Sandwich, bei dem man sich Mühe gegeben hat.

    Ideal für: Take-Away (auch wenn das mit Parken bei der Steinstrasse echt nicht leichter geworden ist)

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  • Juventude do Minho

    Juventude do Minho

    „Raindrop, Droptop!“ Das Verdeck des Camaro offen, die Interstate 405 unter und Downtown Los Angeles vor mir – während mir aus den Boxen Summer Cem lautstark mitteilt, dass er die Mutter seines Kontrahenten gerne sexuell beglücken möchte, und das ausdrücklich und ausgerechnet in Gladbach.

    Ein merkwürdiger Moment, damals, im Januar 2020, als man noch nicht so recht ahnen konnte, was da bald noch für merkwürdige Momente kommen würden. Und dann kam ausgerechnet noch dieses Schild:
    “This highway section was sponsored by the atheist society of America”.
    Ich wunderte mich aber nicht über das schon reichlich wunderliche Adopt-a-Highway Programm, sondern viel mehr über folgendes: Was zur Hölle macht eigentlich ein Verein für Atheisten? Ihr gemeinsamer Nenner ist ja, dass es diesen gemeinsamen Nenner aus ihrer Sicht gar nicht gibt. Wie läuft das? „Willkommen zum wöchentlichen Vereinsmeeting! Glaubt ihr auch immer noch nicht daran?“ „Nein.“ „Nope.“ „Ich auch nicht.“ „Ja cool, dann bis nächste Woche.“

    Eins wurde mir auf den Meilen danach aber langsam klar: der Mensch, ob Atheist oder Buddhist, er kann nicht alleine.

    Und wer nicht an Gott glaubt, der glaubt zumindest an Vereine.

    Man trifft sich in Vereinen nämlich nicht, weil man dort gemeinsam gewinnen oder verlieren will, weil man ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Gegner oder ein gemeinsames Nichts hat – man trifft sich, weil man sich dort trifft. Sogar mitten im Industriegebiet Wilhelmsburg, im Vereinsheim von Juventude do Minho.

    Als nicht sonderlich großer Fan von portugiesischer Küche hätte ich woanders über ein Steak mit Ei und Schinken in einer Dachziegel bestimmt mit den Augen gerollt. Aber nicht hier. Denn alles hier ist ein Spagat: zwischen schlichten Chips als Beilage und dem großen Spektakel einer flambierten Chorizo, zwischen abgelegenen Industriezweckbau und dem Glanz großer Triumphe, von denen all die Pokale erzählen.

    Bestimmt sind in irgendeinem Restaurant die Doraden saftiger und die Beilagen ausgeklügelter, aber im Juventude do Minho geht es wie in jedem Vereinsheim nicht um Perfektion. 

    Es geht darum, dass man da ist. 

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    Ideal: Mit einer Prollkarre und Summer Cem aus den Boxen kleinen Ausflug machen

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  • Kinfelts

    Kinfelts

    Weil das Kinfelts anscheinend Wandtattoo-Sprüche so liebt, hier bitte:

    „Gemüter sollten wie Weinflaschen sein – je mehr davon offen sind, desto besser.“

    „Auch wer mit dem Schwarm schwimmt, kann eine Jahrgangssardine werden.“

    „Wer immer nur auf vorgegeben Wegen wandert, wird nie Pfifferlinge finden.“

    „Der Schlüssel zum Herzen eines Menschen ist die Pastete aus der Leber einer Gans.“

    „Wer auf den Geist in der Flasche hofft, sollte keine Piccolos öffnen.“

    „Es gibt vielleicht nicht für jeden Topf einen Deckel, aber immerhin für jeden Menschen eine Weinbegleitung.“

    „Ein Abend ist wie ein Labyrinth – je mehr Gänge, desto interessanter.“

    Ideal für: die angenehm hohe Zahl der offenen Weine durchprobieren.

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  • Chingu

    Chingu

    “Weg, alles weg! Und keine einzige Spur.”

    “Es ist der perfekte Coup.”

    Frank ist schon seit 25 Jahren im Polizeikommissariat 14. Er hat schon alles gesehen. Die spektakulär lauten Dinge, Maikrawalle, G20, Geldautomatensprenger. Aber eben auch sehr viele spektakulär leise Dinge: Einbrüche, Ausbrüche und ja, zuletzt auch immer mehr Cyberkriminalität. Eines hatten alle Sachen gemeinsam: es gab immer irgendeine Spur. Auch wenn sie oft zu nichts führte. Eine der vielen Sachen, die sein junger Kollege Carl erst noch lernen musste. Zusammen mit: am Tatort nicht dumme Fragen stellen, wie als wäre man in einer schlechten Adaption von Notruf Hafenkante. “Habt ihr schon Fingerabdrücke gesucht?” fragte er die Spurensicherung im komplett leer geräumten Bucherer am Jungfernstieg. Das ist ungefähr so, als würde man das Meer fragen, ob es schon nass ist. Zu Franks Verwunderung bekamen sie eine Antwort, die kein hämisches Gelächter war: “Fingerabdrücke ja, aber unleserlich. Alles ist überzogen mit einer klebrigen Substanz.” Franks Nase musste sich der Substanz gar nicht so weit nähern, er erkennt den Geruch sofort: “Honey Butter! Dieser verdammte Pelzenstein!”

    Während sie mit Blaulicht Richtung Eimsbüttel fahren, verlässt gerade ein Gulfstream G650 den Luftraum über der Bretagne in Richtung Südwesten. An Bord: zwei Piloten, die keine Fragen stellen, ein süßlich-fettiger Geruch, der von der Kabine langsam ins Cockpit wabert, ein leidlich bekannter Foodblogger und ein Bucket voll mit einem der besten Koren Fried Chicken Hamburgs – bezahlt mit einer Audemars Piguet. Und, versteckt unter der Zunge eines linken Schuhs, ein kleiner Zettel mit einer Adresse in einem südamerikanischen Land, das nicht ausliefert.

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    Ideal für: die letzten Chicken Wings vor der Flucht

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  • Heimatjuwel

    Heimatjuwel

    Bitte nicht falsch verstehen, ich will mein Kind jetzt nicht Adolf taufen. Aber neben gewissen Landratsposten sollten wir auch gewisse Begriffe nicht den Rechten überlassen. Heimat, zum Beispiel.

    Und das wird auch mal Zeit. Eines der einzigartigsten deutschen Wörter steht heutzutage in vielen Teilen der Bevölkerunge ja eher für Flächenversiegelung durch Carports oder für hinterländische Safe Spaces, in denen man ohne schief beäugt zu werden Unmengen an Billigwürstchen grillen und dabei rassistische Dinge sagen darf.

    Gut, dass das Heimatjuwel diesen Begriff etwas anders definiert: Nämlich Heimat durch Regionalität. Und Heimatschutz nicht im Sinne der amerikanischen Stasibehörde, sondern durch eine sehr grüne und sehr saisonale Küche.
    Dass beim Thema Heimat auch Tabouleh ihren Platz hat, kann man ja gerne als politischen Kommentar interpretieren.

    Im Heimatjuwel denkt man aber fast unweigerlich noch über ein ähnliches Thema wie Heimat und Regionalität nach: warum es eigentlich so selten ist, dass ein Fine-Dining-Restaurant mit Menüfolge mal nicht in einem der zwei, drei üblichen Stadtteile beheimatet ist.
    Warum alle immer nach St. Pauli schwirren und derartige Restaurants es in Wohnstadtteilen wie Eimsbüttel und Barmbek traditionell schwer haben.

    Das Gute ist manchmal ganz nah. Das hat die Küche des Heimatjuwel schon verstanden. Jetzt sind wir Gäste an der Reihe.

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    Ideal für: Weeknight Dinner, aber n bisschen besonders

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  • Old Commercial Room

    Old Commercial Room

    Die meinen das ernst!

    Die meinen das wirklich ernst!

    Diese ganze in dunkles Holz  gegossene Hanseatigkeit.
    Dieses Mikadogebilde aus Devotionalien.
    Diese penible Genauigkeit, mit der in Bild und Schrift festgehalten wird, wer hier schon mal da war und wo genau.
    Diese Innenarchitektur, die eigentlich eine Zeitkapsel der alten Bundesrepublik ist.
    Das meinen die alles wirklich ernst! Das ist nicht einfach nur Dekoration, um irgendwelche verpeilten Michelbesucher mit dem Versprechen einer vermeintlichen Hamburgensie in das Lokal zu locken. Der Old Commercial Room ist! wirklich! so!

    Nichts ist Fassade, nichts ist Verkleidung. Die Messingbeschläge und die Mahagoniholzwände sind keine Zier, sie sind ein nicht in Frage zu stellender Teil der DNA. Es entspringt alles der tiefen Überzeugung, dass dieses Restaurant nur genau so aussehen kann.

    Und genauso ernst meinen die auch das Essen. Der Labskaus ist eben nicht so gemacht, dass er für die Touristen schon reicht, sondern mit so viel Ernsthaftigkeit, als könnten jederzeit die als Foto an der Wand hängenden Freddy Quinn, Heidi Kabel oder Helmut Schmidt zur Tür hereinkommen und hanseatische Rechenschaft einfordern.

    Die meinen das alles wirklich und aufrichtig ernst.

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    Ideal für: mit Besuch von außerhalb

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  • Monsieur Alfon’s

    Monsieur Alfon’s

    Es gibt Menschen, deren Schaffen wirkt über den Tod hinaus. Bei einer Person wirkt aber ihr Nicht-Schaffen über den Tod hinaus: Arno Dübel.

    Denn trotz aller Bedrohungen, die “das System” gerade von allen Seiten erfährt, und hier ist jetzt jedem freigestellt was er so politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich als System bezeichnen würde, halte ich Arno Dübel für den gefährlichsten Menschen der Welt. Denn dieser Mensch, der von den Medien entweder naserümpfend als “Deutschlands faulster Arbeitsloser” verunglimpft oder als “Kult-Hartzer” bejubelt wurde, hatte eine Eigenschaft, die Gift ist für jedes System, das auf Wachstum gebaut ist:

    Absolute Zufriedenheit mit dem was ist.

    Und das selbst dann, wenn das, was ist, nicht viel ist.

    Das Einfache nicht nur hinzunehmen, sondern es regelrecht zu genießen, ist eine revolutionärere Aktion, als es jede Demo, jeder Anschlag, jeder Maschinensturm je sein kann. Elysium ist eine Einzimmerwohnung.

    Und in diesem Sinne haben die Croques von Monsieur Alfon‘s, die nicht dank der Bild, sondern dank und und zu beträchtlichen medialen Podcastruhm gekommen sind, hier auch ihren Platz. In der von Highlights nicht gerade gesegneten Welt der Croque-Läden sind die Brote hier weder Geheimtipps noch revolutionäre Neuinterpretationen, sondern einfach: sehr gute Croques. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

    Ich beiße rein, in mein ganz klassisches Croque Monsieur, mit ganz klassischer Sauce – und bin zufrieden. Und in Gedanken stehe ich mit erhobener rechter Faust an einem Grab in Hamburg Rahlstedt und skandiere: 

    “Arno, der Kampf geht weiter!”

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    Ideal für: einfach mal so

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  • Maquis

    Maquis

    Kurt Cobain in allen Ehren, aber ich konnte dann am Ende doch mehr mit den Foo Fighters anfangen als mit Nirvana. Und das Solowerk von Robbie Williams überstrahlt meiner Meinung nach das Oueuvre von Take That. Und, der vielen Teenie-Tränen bei der One-Direction Trennung zum Trotz: Harry Styles ist halt als ein Eintel doch mehr als als ein Fünftel.

    Dem Anfang von allem wohnt ein Zauber inne, aber damit es den Anfang überhaupt geben kann, muss es irgendwo auch erst mal ein Ende geben.

    Insofern ist es eigentlich immer ganz gut, wenn in einem deiner Lieblingsläden jemand in den Sack haut, einen Teil des Spirits mitnimmt und daraus etwas Neues erschafft. Noch besser ist es natürlich, wenn es das Original-Restaurant dann auch weiterhin gibt.

    So wie beim Maquis, das sich aus dem Dunstkreis des Bistrot Vienna gebildet hat. Und so erkennt man als Vienna Ultra auch einiges emotional wieder. Die herzliche, familiäre Stimmung, die Bistrotypisch überschaubare Karte und auch der unverstellte Blick in die geschäftige Küche. Ein paar Dinge sind aber zum Glück auch anders: das rein vegetarische Angebot und die ganze Anmutung des Ladens, der mit seinem modernen Industrial-Charme und der etwas versteckten Location fast mehr nach Berlin als nach Hamburg passen würde.

    Zu unrecht noch bei zu wenig Leuten auf dem Schirm, aber naja, dem Drummer von Nirvana hat man ja am Anfang auch nicht viel zugetraut.

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    Ideal für: Alle, die das Vienna lieben, aber vor allem für Vegetarier, die das Vienna lieben.

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  • Der Player

    Der Player

    Wie eine Mischung aus Soho-House und dem McDonald’s Bällebad.

    So sah das Der Player für mich immer von Weitem aus. Und irgendwie wollte ich es deswegen gerne scheiße finden. Aber, es ist enttäuschenderweise mal wieder so, wie es so häufig ist, nämlich nicht ganz so einfach. Einerseits fragt man sich, ob man den Kickertisch und die Tischtennisplatte jetzt auch unbedingt gentrifizieren musste, andererseits ist es auch nicht immer gleich gentrifizieren, wenn man Billiard mal aus seiner selbstverschuldeten Spielothekigkeit herausholt. Und einem Volk, das mit eindeutiger Mehrheit die 4-Tage-Woche ablehnt, kann man auch gerne mal ganz unpädagogisch mit saftigen Hieben ein wenig Spiel und Freizeit einprügeln.

    Besagtes Volk verlangt aber ja, wie wir jungen Römer wissen, nicht nur nach Spielen, sondern auch nach Brot und deswegen jetzt Boulekugel aus der Hand und ab ins Erdgeschoss. Und auch hier ist es so, wie es beim Kickern meist auch ist: nicht ganz so einfach. Handwerklich ist das alles auf einem sehr hohen Level, Garpunkte wie bei der Garnele werden perfekt getroffen, die Zutaten sind von beeindruckender Qualität. Nur die Zusammensetzung verstehe ich nicht. Googlet einfach mal das Arcade-Game-Genre “Bullet Hell” und stellt euch vor, das ist eure Zunge. Jedes Gericht ist salzig, sauer, cremig auf Anschlag, wie als gäbe es einen High-Score zu knacken, aber leider hinterlässt deswegen auch jedes Gericht einen ziemlich ähnlichen Eindruck.

    Es fühlt sich an, als hätte jemand einen Ferrari-Testarossa mit Chanel No. 5 getankt, um dann aber Burnouts in einem Kreisverkehr in Oer-Erkenschwick zu drehen. Vielleicht ist das aber auch Teil des Konzepts. Vielleicht will da jemand einfach nur spielen. Ohne “Warum?”.

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    Ideal für: wenn man zu viel Netto macht für Kickern auf dem Kiez und Hesburger

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  • Jing Jing

    Jing Jing

    Also jetzt nach 3 Jahren und über 170 Restaurantbesuchen kann man ja auch wirklich mal die kritische Frage stellen: Was weiß denn ich? Denn wie jeder gute Kreative überfällt auch mich in regelmäßigen Abständen dieses familiäre Gefühl, dass ich doch eigentlich gar keine Ahnung von dem Ganzen habe und bald jemand kommt und mich auffliegen lässt. “Wo ist denn eigentlich ihr Gastronomie-Abschluss? Ihr staatlich geprüfter Kritiker-Meisterbrief? Oder zumindest ihr Jodeldiplom? Sie können das hier doch gar nicht, Sie dürfen das hier doch gar nicht. Legen Sie die Schachtelsätze weg und nehmen Sie die Hände auf den Rücken!” Wenn ich jetzt zum Beispiel sage, dass das Massaman Curry im Jing Jing etwas zu süß war, woher will ich das bitte wissen? Hab ich jemals ein richtiges Massaman gegessen? War das, was ich bisher als Massman hatte, wirklich Massaman Curry? Ich bin ja kein thailändischer König, auch wenn ich viel Zeit meines Lebens schlecht benehmend in Bayern verbracht habe. Und vor allem: wenn alle anderen Gerichte, das cremige Larb-Tatar, der erfrischend saure Schweinefleisch-Salat, das bombastisch gewürzte Pad Krapao Gai, wenn die alle so unfassbar intensiv sind wie eine nächtliche TukTuk-Fahrt nach 13 Chang Bieren – dann muss ich sagen: vielleicht muss Massaman ja genau so sein. Und vielleicht hatte Jumbo Schreiner recht: ich kann das alles in Wirklichkeit gar nicht. 

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    Ideal für: Start ins Wochenende

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