Schlagwort: Österreichisch

  • Reichlich

    Reichlich

    Da gegenüber steht dieses Haus.

    Achtet mal drauf, wenn ihr durch die Hoheluftbrücke auf die Grindelhochhäuser zufahrt. Ein sechsstöckiger Altbau, gut in Schuss, wie es in dieser Ecke Dutzende gibt. Soweit, so unspektakulär. Spektakulär ist eher, was nicht da ist:

    Die anderen Häuser.

    Das Gebäude, das vermutlich mal Teil eines Ensembles, einer ganzen Altbau-Häuserreihe war, steht da wie ein Monolith, ganz alleine, die flachen Seitenwände im starken Kontrast zur Stuckverzierten Front.
    Es wirkt vergessen und gleichzeitig omnipräsent. 
    Es steht majestätisch und scheint gleichzeitig fast physikalisch unmöglich.

    Man hat irgendwie das Gefühl, dass es eine göttliche Hand irgendwo zwischen Zeigefinger und Daumen genommen und hier in den Boden gesteckt hat. Und eventuell wurde dabei noch zufällig ein bisschen mehr mitgetragen. Eventuell hat sich dabei auch das Reichlich mitverpflanzt.

    Ein Ort, der nicht einfach österreichische Küche für Norddeutsche macht, sondern österreichische Küche, wie man sie auch Österreichern servieren würde. Der einen Heuriger-Abend etabliert und dessen Terrasse wie von Zauberhand das Flair eben genannter Schankwirtschaft erzeugt. Und bei dem man sich beim Blick in die Küche ebenfalls fragt, wie so viel Großes auf so kleinem Raum entstanden ist.

    Und so kann man an der Hoheluftbrücke in einer Singularität sitzen, mit einem guten Glas Grüner Veltliner in der Hand, und eine andere Singularität betrachten. Oder andersrum.

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    Ideal für: die letzten schönen Tage

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  • Gasthau Waltz

    Gasthau Waltz

    In mir gibt es seit kurzem diese tiefe Sehnsucht.

    Seitdem überall von Artificial Intelligence die Rede ist, von Large Language Models, von Filmen und Bildern, die sich fast wie von Zauberhand digital selbst erschaffen, seitdem keimt in mir so eine stille Hoffnung auf: dass das nicht der Anfang von Etwas ist, sondern das Ende.

    Wir haben das digitale Universum einst geschaffen, um es zu füllen und jetzt füllt es sich selbst. Es braucht uns nicht mehr. Und irgendwie ist da diese kleine Hoffnung, dass wir jetzt einfach die Tür zusperren und den Schlüssel von der nächsten Brücke werfen. Die Hoffnung, dass wir das Internet all die Jahre einfach nur aufgezogen haben wie ein kleines Robbenbaby, es gefüttert und gepflegt haben, als es uns dringend gebraucht hat und jetzt, wo es endlich erwachsen ist, entlassen wir es in das große weite Meer, mit dem Glauben, dass es jetzt schon für sich selbst sorgen kann, mit einer bittersüßen Träne in den Augen, wohlwissend dass wir es vielleicht nie wieder sehen werden und mit der Hoffnung, dass es ihm ohne uns besser gehen möge.

    Und wir, wir können dann endlich wieder so Menschensachen machen. So richtige Menschensachen. Sowas wie das Gasthaus Waltz in München. Wo man österreichische Gerichte bekommt, die eben weder einfach eine Strg-C, Strg-V Kopie einer alpenländischen Kulinarikfolklore sind, aber eben auch nicht eine contemporary verfiltert hochkontrastige CGI-Fine Dining Version der K.u.K-Küche. Es sind Speisen, die ihre österreichischen Wurzeln klar erkennen lassen, aber genau die paar wichtigen Schritte weiter gehen, um sie zu etwas Besonderem werden zu lassen. Und genau weil die Teller mit einer gewissen Erwartung des Gastes spielen und sie dann mit ganz spitzer Feder übererfüllen, haftet der Küche so etwas zutiefst, nun ja, menschliches an.

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob meine Worte genau das beschreiben, was ich fühlte, aber ich bin eben auch keine perfekte KI-Sprachsoftware. Aber: Dank der traumhaften Weinkarte im wirklich wundervollen Gasthaus Waltz kann ich immerhin genauso gut abstürzen.

    Ideal für: einen Abend unter Menschen

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  • Bistrot Vienna & Restart Gastro

    Bistrot Vienna & Restart Gastro

    Also erstmal n dickes Sorry. Sorry für das akwarde Aufhängen der Jacke, weil man ja wusste dass man selber nicht drinnen sein darf aber sich nicht so sicher war, ob das auch für die Oberbekleidung gilt. Sorry dass wir viel zu lange gebraucht haben um uns zu entscheiden. Aus verschiedenen Essensoptionen die perfekte Kombination aus Vorspeise und Hauptspeise herauszusuchen UND auch noch den passenden Wein ist nach so vielen Monaten ein Task den man gerne zur Bearbeitung der NASA geben würde. Sorry dass wir viel zu laut waren, das geht vor allem an den Tisch neben uns. Wir sind fremde Menschen nicht mehr wirklich gewohnt, die meisten neuen Leute, die wir in letzter Zeit kennengelernt haben, musste irgendwer aus dem Freundeskreise erst mal gebären (Danke aber dass ihr mit uns zusammen genau so laut und gut drauf wart). Sorry dass uns die Nachbarn egal waren, und wir noch einen und noch einen und noch einen bestellt haben. Sorry dass wir Hygieneunkonform von unseren gegenseitigen Tellern gegessen haben, weil alles geil war und das Vienna vom ersten Tag an exakt auf dem Niveau und auf der Wohnzimmerhaftigkeit war, für die es die Stammgäste so lieben. Sorry auch dass ich euch noch vor irgendeiner offiziellen Meldung des Senats, als die Öffnung quasi nur ein Gerücht im Äther der Mopo-Kommentarspalten war, penetrant getelefonterrorisiert habe, weil ich unbedingt einen Tisch am ersten Abend haben wollte. Sorry für das alles. 

    Aber eins muss ich dann doch sagen, stellvertretend für alle Gäste und Gastronomen dieser Stadt: 

    Schön, dass ich wieder da bin!

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    Ideal für: kleine Runden mit Freunden

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  • ÖBB Nightjet

    ÖBB Nightjet

    Die Concorde war zu schnell. Oder sagen wir besser: sie war zu wenig entschleunigt. Denn es lag nicht nur am Unfall in Paris, dass der Überschalljet nicht mehr fliegt. Die Concorde, dieses grazile Meisterwerk der Technik, diese weiße, wunderschöne Nadel, die der Schwerkraft lachend davonflog hat gegen ihren dicken, gemütlichen Artgenossen verloren. Denn statt kurz und sehr teuer in den economy-class-artigen Concorde-Sitzen zu fliegen, entschieden sich immer mehr Menschen einfach über Nacht etwas länger in den teuren, aber deutlich günstigeren und vor allem wesentlich gemütlicheren Full-Flat-Sitzen der effizienteren Unterschalljets zu fliegen. 2003 wohlgemerkt. Da war die High Speed-Globalisierung schon im vollem Gange, während Businessjohnnys Klimawandel immer noch für ne Funktion in ihrem 7er BMW gehalten haben. Und das ist die schöne Nachricht: es ist tatsächlich möglich, als Gesellschaft gemütlicher zu werden. Und vielleicht ist es ja soweit dass wir bald mal wieder häufiger den Nachtzug nehmen. Eine Einzelkabine ist nämlich nicht nur in Coronazeiten ein Traum und trotz der eher funktionalen Innenarchitektur lässt es sich der Verstand nicht nehmen, einen Hauch Orient Express-Gefühl aufkommen zu lassen. Aber jetzt mal ernsthaft, das hier ist immer noch ein Foodblog und ich komm jetzt endlich mal zum Essen. Der Nightjet wird zum Glück von den Österreichern betrieben und die haben, die ein oder andere Großkantinenberghütte mal ausgenommen, dann doch meistens noch ein bisschen mehr Anspruch als wir Piefkes. So gab es eine absolut akzeptable Gulaschsuppe und danach Paprikahuhn mit Nockerln, das zwar natürlich nicht so gut war wie das von @mkm__at, das man mir aber in jedem stehenden Restaurant servieren könnte und ich wäre mehr als glücklich. Dazu mit Umathum einen Rotwein, den man sofort in eine ausgesuchte Weinhandlung stellen könnte.

    Concorde i love you, but i’ve chosen Paprikahendl.

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    Ideal für: Hamburg – München und zurück

  • MKM(AT)

    MKM(AT)

    Es war wie die Reise nach Jerusalem. Nur nicht mit Stühlen, sondern mit Lebenssituationen. Nur noch zwei Haushalte. Ein anderer und eben der eigene. Und zwar so wie er in dem Moment auch war. Konnte ja auch keiner so richtig ahnen. Jetzt sitzt man halt da, mit seinem Haushalt und muss ihn so nehmen wie er ist. Mit all den Ärgernissen und all den Defiziten, die er halt so mit sich bringt. Mit dem schlechten Lichteinfall ab Nachmittag, den nervigen Nachbarn darunter, dem Herd, der nicht mehr so richtig genau funktioniert. Und vor allem mit den Personen, die so ein Haushalt eben mit sich bringt. Und die meist so viel können was man gerade gar nicht gebrauchen kann (Businesspläne für Eco-Startups schreiben oder Salesfunnels für Volumenshampoos erstellen) und so wenig von dem was gerade wichtig wäre (kochen, backen, nähen). Das ist die eigentlich Ungerechtigkeit dieser ganzen Situation: Das manche einfach nen exorbitant besseren Haushalt als andere haben. Nicht alle haben zum Beispiel Michi zuhause. Aber es gibt eine gute Nachricht: Michi kocht mehr (MKM, das AT steht für Arbeitstitel). Und zwar um die 10 Portionen, die er selbst bei den Bestellern vorbeibringt. Bouillabaise, Shakhshuka, Milchkalbsbackerl, Entenleberpastete. Und das ist das Schöne: obwohl einem Essen gebracht wird, fühlt es sich nicht an wie ein Lieferdienst. Weil die Gerichte erst gar nicht versuchen, einen Massengeschmack zu treffen. Weil es sich eher so anfühlt, wie als wäre man in einem Fight-Club für Essen. Oder wie als würde ein Freund für einen kochen. Oder wie als würde man sich für einen Abend einen Haushalt ausleihen, der einfach viel mehr kann als der eigene.

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    Ideal für: alle, die es vermissen, im Restaurant das etwas ungewöhnlichere Gericht zu nehmen