Schlagwort: norddeutsch

  • Salt & Silver am Meer

    Salt & Silver am Meer

    Corona hat für die Digitalisierung gesorgt. Putin sorgt für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ich schätze mal, dass ein Kometeneinschlag für die Gleichberechtigung der Frauen sorgen wird. Aber fragt mich nicht wie, ich weiß es nicht, ich weiß nur eins: wir leben nicht gerade im Zeitalter der einfachen Kausalitäten. Der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas kann dafür sorgen dass hier irgendein Ingo Sonnenblumenöl in seinen Tank kippt. Nichts ist mehr einfach, nichts ergibt mehr auf den ersten Blick Sinn. Außer das hier: Salt and Silver am Meer. Jetzt erst merkt man, wie falsch sich die ganze restliche “Draußen nur Kännchen”-Gastronomie an der Nordsee anfühlt, jetzt erst merkt man, dass die Elbe nur ein mariner Zwischenschritt zur echten Meeresküste war. Leben werden vorwärts gelebt, aber rückwärts erzählt und das gilt wohl auch für das Leben einer gastronomischen Idee. Und auch wenn man sich sicher sein kann dass das nicht das letzte Venture von Salt and Silver ist, hat hier in Sankt Peter-Ording ein Konzept zu sich selbst gefunden. Strand aus Sand statt Palmen aus Plastik. Und dazu Zutaten aus der Region, auf einem riesigen Lavagrill zubereitet, eine Weinkarte, bei der man sich streitet wer zurückfahren muss aber vor allem: Seafood. Salz in der Nase, Salz auf der Haut, Salz auf der Zunge. Manche Dinge versteht man sofort.

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    Ideal für: Tagesausflug oder doch für immer da bleiben

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  • Rainer Schneider

    Rainer Schneider

    Wenn man eine Gesellschaft lange genug betrachtet, ist eigentlich gar nicht so viel in Stein gemeißelt wie man denkt. Es war noch bis in die 60er eigentlich undenkbar, als Mann keinen Hut zu tragen. JFK war der erste Präsident, der bei seiner Amtseinführung darauf verzichtete. Und das war erst der erste seiner Skandale, der mit fehlender Kleidung zu tun hatte. Und irgendwie dachte ich mir, dass in einem der vielen Lockdowns irgendeine gesellschaftliche Errungenschaft schon auf der Strecke bleiben wird. Ich tippte ja auf Frisuren, dass das einfach vorbei ist. Dass wir als menschliches Kollektiv irgendwie gemerkt haben “geht auch ohne, lassen wir ab jetzt einfach”. Frisur würde man dann nur noch auf Verkleidungspartys tragen oder im Rahmen kurzweiliger Modetrends. Wenn es die denn überhaupt noch geben würde, denn auf Hosen und Schuhe hätte ich auch nicht gewettet, dass die das überstehen. Wozu auch? Der postindustrialisierte Mensch braucht seinen Körper größtenteils eh nicht, wir sind ja keine Jäger und Sammler mehr. Warum nicht gleich alles unterhalb der Videocall-Linie vergessen, sieht ja keiner. Man tätowiert sich ja auch nicht die Innenseite der Backe. Kam dann aber doch anders. Wir sind wieder draußen und können somit nicht mehr bestimmen, aus welcher Perspektive man uns sieht. Jetzt muss man sich wieder 360-Grad um den ganzen Zellhaufen kümmern, den man da so in der Öffentlichkeit Gassi führt. Das Gute: wenn man schon sehen und gesehen werden muss, ganz ohne die Möglichkeit die Kamera auszuschalten, gibts dazu wenigstens einen richtig guten neuen, sehr realen Ort. Im und vor allem um das Rainer Schneider gibt es so viel Außenfläche, dass Ordungsamtsmitarbeiter regelmäßig davon Albträume bekommen. Und dazu gibt es sehr moderne, hanseatische aber eben auch gleichzeitig internationale Gerichte. Und vor allem ordentlichen Wein und Drinks, die die Ecke zu einem der Rumhängspots des Sommers 2021 machen. Wo man dann rumsitzt, mit seiner Frisur, seinem Unterkörper, seiner Hose und seinen Schuhen. Ohne das jemand den Mikrofon- oder Kamera-aus-Knopf drücken kann. Herrlich!

    Ideal für: Trinken, essen, sitzen, schauen

  • Gasthof Alt Sieseby 

    Gasthof Alt Sieseby 

    157 Tage. 157 Tage hab ich mir überlegt wo ich wohl als erstes wieder hingehen werde, wenn man wieder irgendwo hingehen kann. Vienna war ganz oben, das Bianc, 100/200 oder das Haebel. Lieblingsläden oder Läden in die man schon lange mal gehen wollte. Am Ende wurde es der Gasthof Alt Sieseby an der Schlei. Ich hab von beiden vorher nie wirklich gehört aber ein Sylt-Urlaub musste umgeplant werden und dann nimmt man eben die Modellregion, die man bekommen kann. Aber am Ende war es wohl genau gut so. Weil man nach all den Haute Cuisine-Kochboxen, nach all den To-Go Angeboten seiner bekannten Lieblingsrestaurants eben genau das vermisst hat: Eine spontane Einkehr. Eine Umgebung, die nicht die eigene Wohnung ist. Ein Gruß aus der Küche, mit dem man nicht gerechnet hat. Ein schön angerichteter Beilagensalat, den man nicht aus einer Vakuumtüte drücken musste. Eine Fischsuppe, die man sich zuhause niemals nur als Vorspeise gemacht hätte. Bratkartoffeln, die man nicht so knusprig in der eigenen Teflon-Pfanne hinbekommt und eine Scholle, die man vermutlich im Frischeparadies liegen gelassen hätte weil man keine Ahnung hat wie man das Riesenteil brät und dann doch lieber zum Kabeljau greift. Genau das hat man vermisst: das Gast sein, il dolce far niente, das süße Nichtstun. Die gute Nachricht ist: auch nach so langer Zeit, man hat das Nichtstun zum Glück nicht verlernt.

    Ideal für: Tagesausflug (nur gut 1,5 h von Hamburg)

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  • Veddeler Fischgaststätte

    Veddeler Fischgaststätte

    Leute die “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen” sagen, geht es wirklich nie um das, was man angeblich nicht mehr sagen darf, sondern immer nur um den Umstand, dass sie irgendwas nicht mehr sagen dürfen. Und während dann oft auch noch skandiert wird “dass man heutzutage ja überhaupt nichts mehr sagen darf” wird recht schnell klar, dass man heutzutage sehr viel sagen darf und meist eben nur ein paar unwichtige Kleinigkeiten nicht mehr. Sowohl Dickmänner als auch die Paprikasauce spielen zum Beispiel schon seit Jahrzehnten kulinarisch nicht mehr die Rolle, die sie immer wieder sprachlich spielen. Also wollen Leute die sagen, dass man heutzutage ja gar nichts mehr sagen darf, selten genau das sagen, was sie nicht mehr sagen dürfen, sondern einfach nur irgendwas sagen, das man nicht sagen darf. Und das geht aber auch ganz einfach ohne Minderheiten zu beleidigen: zum Beispiel in dem man Geheimtipps verrät. Mir wurde recht häufig gesagt, dass ich bloß nicht zu vielen Leuten was von der Veddeler Fischgaststätte sagen soll. Mach ich aber jetzt trotzdem: Denn erstens kann man bei einer über 80-jährigen Gaststätte nicht erwarten, dass hoffentlich niemand was davon mitbekommen hat und man das “kultige” Ding noch möglichst lange für sich alleine hat und zweitens sind der Backfisch und die Fischfrikadellen dafür einfach zu lecker. Und dass die Veddeler Fischgaststätte in Ihrer exponierten Lage zwischen Autobahn, Elbbrücken und LKW-Verladeplätzen zwar wirkt wie eine kleine Oase, allerdings wie eine Oase aus einem norddeutschen Stephen King-Roman … also das wird man ja wohl wirklich noch sagen dürfen!

    Ideal für: Ende einer Radtour am Veddeler Deich

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  • Heemann

    Heemann

    Nach über einem Jahr Guide Pelzenstein möchte ich hier mal eine Nachricht an meine Fans richten: Ihr seid mir alle komplett egal. Ich hab den ganzen Quatsch nämlich eigentlich nur mit einer Zielgruppe im Kopf angefangen: mir selbst. Nachdem ich beruflich schon genug Dinge schreibe, über die Menschen drüberschauen und eine Meinung haben und die Meinung dann auch ärgerlicherweise kundtun ist Guide Pelzenstein von Pelzenstein für Pelzenstein and I, Mr. Pelzenstein, approve this message. Es ist der Versuch die Schere im Kopf mal so weit abzustumpfen, dass man sie einem Einjährigen nachts zum Schlafen mit ins Bett legen würde. Dass sich das irgendjemand sonst durchliest und mit einem Like in meine Richtung die Datenströme unnötig verstopft ist nur der icing on the cake eines Desserts, das ich am Ende vielleicht stehen lasse. Das Jubiläum des schäbigen Versuch, meine Lust zu futtern als Hobby zu deklarieren hab ich dann auch standesgemäß ohne euch alle im Heemann gefeiert. Und würde es mir wirklich am Herzen liegen, dass ihr alle gut essen geht, würde ich euch den Laden wärmstens empfehlen. Alleine dafür, dass sie ihre kleinen Portionen mit hanseatisch angehauchten Gerichten nicht “norddeutsche Tapas” nennen, würde ich den Betreibern schon das Bundesverdienstkreuz verleihen. Und jetzt schmeckt das ganze auch noch. Erbsenknödel mit Meerrettich-Soße, Sauerkirschgazpacho, Rotbarsch mit Süßkartoffelstampf – jedes Gericht hat ein überraschendes Element. Sogar der Ackerbohnen-Fenchelsalat – und ich hasse eigentlich Fenchel. Wenn einem andere Personen nicht so komplett egal sind wie mir geht man am besten mit mehreren Leuten hin, dann kann man noch mehr bestellen und alles durchprobieren (auch für Vegetarier und Veganer gibts Optionen). Und es gibt viel Philipp Kuhn, mit dem man anstoßen kann. Auf das letzte Jahr, auf die nächsten, auf die Dinnerpartner und auf all die, die sich den Quatsch hier durchlesen und an die man hoffentlich nie denken wird, wenn man das Ganze schreibt. Ach ja, und natürlich auf mich: die einzige Person, die hier wirklich zählt.

    Ideal für: Besuch von außerhalb ist da, Dinner zwischen leger und besonders

  • Marta

    Marta

    Tomaten mit so nem Zeug drunter, so ne Art Mus, wie Hummus, aber irgendwie anders. Ein Eis ist auch dabei, aber kein Nachspeiseneis. Dann vermutlich ne Zucchini, auf jeden Fall ne Zucchini, einmal ein richtiger Brocken und dann einmal ganz dünn, mit so schwarzem Zeug drübergestreuselt. Krokant vermutlich, aus irgendwas was man auch noch durchschmeckt. Dann Saibling auf dem ein frittiertes Salatblatt liegt mit ner Hollandaise? Bernaise? Dazu ne Polenta, die aber nicht nach Polenta schmeckt und ne rote Limette, die man essen kann. Und n Zwetschgenküchlein mit Eis und … ist das das Mus vom Anfang? Ne, schmeckt anders.

    Man kann dem Marta nicht so richtig viel vorwerfen, aber vielleicht diese eine Sache: Das einem das (sehr sympathische) Personal beim servieren nicht so wirklich die Gerichte erklärt. Das wäre nicht so schlimm wenn Schnitzel mit Pommes aufgetischt werden würden, das bekommt man dann auch noch mit eigenen Augen und dem Synapsenhaufen, der einem zwischen den Ohren hängt, hin. Bei den durchaus raffinierten regionalen Gerichten die hier serviert werden fühlt man sich aber wenn man mit der Interpretation allein gelassen wird dann doch recht schnell wie in einem Escape Room. Irgendwann hat man dann herausgefunden, dass man das eine Buch aus dem Regal herausziehen muss, der Schlüssel unter dem Waschbecken klebt, der Hummus eigentlich ein Sonnenblumenkernenmus war, das Krokant aus Sesam und der Gärtner natürlich der Mörder. Am Ende freut man sich über ein außergewöhnliches Menü (auch wenn manche Gerichte vielleicht ein Element zu viel haben), die warme Atmosphäre des ganzen Ladens – und darüber, dass auf Weinen Etiketten kleben. Das macht es für uns alle einfacher.

    Ideal für: lockeres Fine Dining