Schlagwort: Eppendorf

  • Reichlich

    Reichlich

    Da gegenüber steht dieses Haus.

    Achtet mal drauf, wenn ihr durch die Hoheluftbrücke auf die Grindelhochhäuser zufahrt. Ein sechsstöckiger Altbau, gut in Schuss, wie es in dieser Ecke Dutzende gibt. Soweit, so unspektakulär. Spektakulär ist eher, was nicht da ist:

    Die anderen Häuser.

    Das Gebäude, das vermutlich mal Teil eines Ensembles, einer ganzen Altbau-Häuserreihe war, steht da wie ein Monolith, ganz alleine, die flachen Seitenwände im starken Kontrast zur Stuckverzierten Front.
    Es wirkt vergessen und gleichzeitig omnipräsent. 
    Es steht majestätisch und scheint gleichzeitig fast physikalisch unmöglich.

    Man hat irgendwie das Gefühl, dass es eine göttliche Hand irgendwo zwischen Zeigefinger und Daumen genommen und hier in den Boden gesteckt hat. Und eventuell wurde dabei noch zufällig ein bisschen mehr mitgetragen. Eventuell hat sich dabei auch das Reichlich mitverpflanzt.

    Ein Ort, der nicht einfach österreichische Küche für Norddeutsche macht, sondern österreichische Küche, wie man sie auch Österreichern servieren würde. Der einen Heuriger-Abend etabliert und dessen Terrasse wie von Zauberhand das Flair eben genannter Schankwirtschaft erzeugt. Und bei dem man sich beim Blick in die Küche ebenfalls fragt, wie so viel Großes auf so kleinem Raum entstanden ist.

    Und so kann man an der Hoheluftbrücke in einer Singularität sitzen, mit einem guten Glas Grüner Veltliner in der Hand, und eine andere Singularität betrachten. Oder andersrum.

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    Ideal für: die letzten schönen Tage

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  • Mission Pizza

    Mission Pizza

    Ab wieviel Wortspiel zeigt eigentlich ein Gastronom oder eine Gastronomin, dass er/sie vielleicht heimlich doch lieber einen Friseursalon aufgemacht hätte? Zum Glück haben bei Mission Pizza nur eine handvoll Gerichte Namen, bei denen man kurz vor dem Bestellanruf überlegt, ob man nicht doch lieber über die Lieferando-App bestellt. Bei der “Specktacular” mit Speck, Champignons und roten Zwiebeln ist die Benennung auch wirklich das Einzige, was ich daran auszusetzen habe. Und das obwohl ich kein großer Fan von Pizza Bianca bin. Bei der “Hot Honey” meckere ich gar nicht mehr: Salami mit Chilli-Honig und Tomatenbase, und das ganze auf New York-Style dough, der durchaus mal eine angenehme Abwechslung zu den ganzen neapolitanischen Teigungetümen ist. 

    Für alle Follower: Hingehempfehlung. 

    Und für Mission Pizza: hier ein paar Worstpiel-Rezept-Ideen:

    Pizza al Funky – mit Pilzen, aber die mit denen man alles bunt sieht

    Pizza Prostciuotto – mit Schinken und 4 Peroni

    Pizza ‚Ndrangheta – mit so viel Knoblauchöl, dass man danach nicht mehr reden sollte.

    Pizza Kawaii – mit Ananas und in Hello Kitty-Form

    Pizza Quattro Formatschi – zu kurz gebacken

    Pizza Pompei – zu lang gebacken

    Pizza Sparma – mit dem billigen luftgetrockneten Schinken

    Ideal für: Lockdown-Spaziergänge, Bestellung

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  • Austerregion

    Austerregion

    “Das war ja mal ein Arme-Leute-Essen!!!” muss man immer ganz laut rufen wenn man irgendwelches fancy Zeug isst, sonst erscheint ein Goblin und prüft deine Steuererklärung. Aber wie es so ist, Armut und Reichtum liegen halt dann am Ende doch gar nicht so weit auseinander, zumindest wenn man dem Musikfernsehen glauben schenken mag. Denn je ärmer der Gangsterrapper war, desto größer die Rolex, der Bentley und die Felgen des Bentley. Man will ja zeigen was man hat aber noch viel mehr will man zeigen was man früher nicht hatte. Und das natürlich am besten auf der Straße. Insofern passt so ein Lunch mit Austern, Jakobsmuscheln und etwas Champagner auf einem Stromkasten doch wieder ganz gut in die popkulturelle Erzählung unserer Zeit. Ab und zu muss man verwunderten Passanten zwar erklären, dass man die wirklich roh essen kann, aber an der Isestraße ist man ja häufig so alt und so reich dass man die Mollusken wirklich noch als Bedienstetenessen kennt. Aber ganz ehrlich: wer mir jeden Mittag die ausgezeichneten Austern von @austerregion serviert, dem mach ich ohne zu Murren den Stalljungen. Vor allem wenn es die wilden gibt. Ansonsten bleibt eigentlich nur die Frage: sitzen in 100 Jahren irgendwelche Gourmets in einem Sternerestaurant vor einer dampfenden Plastikschale 5-Minuten-Terrine und rufen laut und amüsiert “Das war ja mal ein Arme-Leute-Essen”?

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    Ideal für: den start ins daydrinking

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  • Milk Made Ice Cream

    Milk Made Ice Cream

    Never grow up. So ne Maxime die ich jetzt nicht immer unterschreiben würde. Denn in den letzten Jahren hatte man häufig das Gefühl, dass sowohl die Gastroszene wie auch die Gastszene eigentlich nur noch versuchen die Kinderkarte, die man ihnen vor Jahrzehnten mal hingelegt hat, einfach hochzujazzen. Pizza, Burger, Schnitzel. Oder eben jetzt: fancy Pizza mit 300 Jahren Teigruhe, Wagyuburger mit Trüffelmayo und der Wettbewerb ums dünnste Schnitzel der Stadt. Na gut, wir wissen ja nicht erst seit Disney’s Ratatouille dass Geschmack und Genuss relativ viel mit Erinnerung zu tun haben. Den Pizzerien und Schnitzelläden dieses Landes lasse ich dieses Entbanalisieren des Infantilen noch durchgehen, aber wenn sich erwachsene Männer über den perfekten Burger unterhalten haben verspürte ich schon immer den Drang ihnen sanft den Weg zum nächstgelegenen Bällebad zu weisen. Wem ichs auch durchgehen lasse: Milk Made Ice Cream. Perfektioniert das Salzkaramell noch weiter, macht das Himbeersorbet noch dunkler, gibt Spaghettieis die Würde, die es vielleicht nie verdient hat. Wer seine Kindheitserinnerungen noch professioneller und intensiver hervorgerufen haben möchte als nach einem Besuch hier müsste sich schon einen Schamanen und Ayahuasca besorgen.

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    Ideal für: Ende oder Anfang eines Spaziergangs

  • Dametto Nudeln

    Dametto Nudeln

    Es hat schon einen Grund warum frische Nudeln in Nestern geformt werden. Ein Nest wärmt dich, es umarmt dich förmlich. Ein Nest gibt dir Halt, Geborgenheit. Du wirst genährt, es wird sich um dich gekümmert. Du wirst geschützt ja und mehr noch – du wirst geliebt. Genau wie frische Pasta es eben tut. Ein Nest und Pasta sind aber eben auch viel Arbeit und deswegen gilt für beides: am besten macht es jemand für einen. Idealerweise Dametto. Und zwar nicht nur längliche Pasta, sondern auch Tiramisu und Ravioli mit immer wieder wechselnden Füllungen. Ravioli werden zwar nicht in Nestern serviert aber wenn man mal ganz genau hinsieht: sind das nicht kleine Kissen?

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    Ideal für: Freunde zu Besuch und keinen Bock alles selbst zu machen

  • Restaurant Klinker

    Restaurant Klinker

    Klinker ist nicht Terracotta. Es ist norddeutsche Klarheit gegen mediterrane Dekoration. Da nich für gegen dolce far niente. Dem Leben trotzen statt dem Leben frönen. Für Klinker muss man dem Ton 1300 Grad entgegenfeuern, damit sich die Poren glasgleich verschließen, viel mehr als jedem anderen Ziegel. Dann kann kommen was will, Nieselregen, Platzregen, Schneeregen, Regen von unten, Stürme und Sturmfluten. Es perlt ab. Klinker ist nicht immer schön, aber manchmal eben alternativlos. Klinker muss durch Sachen eben durch. Hoffentlich auch durch diese Sache mit dem Husten und den Aerosolen. Denn hinter jedem Wall aus Ton, wenn das, was abgewehrt werden muss, abgewehrt wurde, findet sich immer Wärme. In Menschen, in Gläsern, auf Tellern, im nordischen Spitzkohl genauso wie in mediterranen Sobrasada-Gnocchi.

    Möge dieses Haus noch stehen, wenn der Sturm vorbeigezogen ist.

    Ideal für: casual Fine Dining, Dates und kleine Freunderunden

  • Ændrè

    Ændrè

    Es ist schon sauärgerlich. Allein dieses Æ. Eigentlich ja auch nur ein Ä das damals zu sehr auf der Erasmus-WG hängen geblieben ist. Und als wenn der Hyggeligkeit damit noch nicht genüge getan wäre, wird noch ein accent über das letzte e gemacht, hochgezogen wie die verächtliche Augenbraue die man abbekommt, wenn man frecherweise Kuhmilch bestellt. Kommt man dann zum ersten mal ins Ændrè, ist man sich auch nicht ganz sicher, ob man in einem Café ist oder im Flagshipstore für diese riesigen ACNE-Wollmützen. Es fühlt sich an als hätte man ganz Eppendorf und Hoheluft in einen Siebträger gestopft und sich einen starken Ristretto daraus gebrüht. Aber, das muss zur Verteidigung gesagt sein: einen sehr leckeren Ristretto. Denn der Café ist hier wirklich gut, egal mit welcher Art von Nicht-Milch, und die ganzen Bowls und Müslis mit so Drüberstreuquatsch wie selbstgemachten Tahin-Granola ebenfalls. Dass das jetzt alles so concious und local und hygge und cozy und instagramable ist, ist am Ende vielleicht auch einfach nur konsequent. Und außerdem: solange das Ændrè noch keinen drive-through für Bakfiets und G-Klassen hat, ist auf der Eppendorf-Skala ja auch noch durchaus Luft nach oben.

    Ideal für: Frauen, Eppendorfer und Hohelufter und alle die es gerne wären

  • Heemann

    Heemann

    Nach über einem Jahr Guide Pelzenstein möchte ich hier mal eine Nachricht an meine Fans richten: Ihr seid mir alle komplett egal. Ich hab den ganzen Quatsch nämlich eigentlich nur mit einer Zielgruppe im Kopf angefangen: mir selbst. Nachdem ich beruflich schon genug Dinge schreibe, über die Menschen drüberschauen und eine Meinung haben und die Meinung dann auch ärgerlicherweise kundtun ist Guide Pelzenstein von Pelzenstein für Pelzenstein and I, Mr. Pelzenstein, approve this message. Es ist der Versuch die Schere im Kopf mal so weit abzustumpfen, dass man sie einem Einjährigen nachts zum Schlafen mit ins Bett legen würde. Dass sich das irgendjemand sonst durchliest und mit einem Like in meine Richtung die Datenströme unnötig verstopft ist nur der icing on the cake eines Desserts, das ich am Ende vielleicht stehen lasse. Das Jubiläum des schäbigen Versuch, meine Lust zu futtern als Hobby zu deklarieren hab ich dann auch standesgemäß ohne euch alle im Heemann gefeiert. Und würde es mir wirklich am Herzen liegen, dass ihr alle gut essen geht, würde ich euch den Laden wärmstens empfehlen. Alleine dafür, dass sie ihre kleinen Portionen mit hanseatisch angehauchten Gerichten nicht “norddeutsche Tapas” nennen, würde ich den Betreibern schon das Bundesverdienstkreuz verleihen. Und jetzt schmeckt das ganze auch noch. Erbsenknödel mit Meerrettich-Soße, Sauerkirschgazpacho, Rotbarsch mit Süßkartoffelstampf – jedes Gericht hat ein überraschendes Element. Sogar der Ackerbohnen-Fenchelsalat – und ich hasse eigentlich Fenchel. Wenn einem andere Personen nicht so komplett egal sind wie mir geht man am besten mit mehreren Leuten hin, dann kann man noch mehr bestellen und alles durchprobieren (auch für Vegetarier und Veganer gibts Optionen). Und es gibt viel Philipp Kuhn, mit dem man anstoßen kann. Auf das letzte Jahr, auf die nächsten, auf die Dinnerpartner und auf all die, die sich den Quatsch hier durchlesen und an die man hoffentlich nie denken wird, wenn man das Ganze schreibt. Ach ja, und natürlich auf mich: die einzige Person, die hier wirklich zählt.

    Ideal für: Besuch von außerhalb ist da, Dinner zwischen leger und besonders