Kategorie: norddeutsch

  • Heimatjuwel

    Heimatjuwel

    Bitte nicht falsch verstehen, ich will mein Kind jetzt nicht Adolf taufen. Aber neben gewissen Landratsposten sollten wir auch gewisse Begriffe nicht den Rechten überlassen. Heimat, zum Beispiel.

    Und das wird auch mal Zeit. Eines der einzigartigsten deutschen Wörter steht heutzutage in vielen Teilen der Bevölkerunge ja eher für Flächenversiegelung durch Carports oder für hinterländische Safe Spaces, in denen man ohne schief beäugt zu werden Unmengen an Billigwürstchen grillen und dabei rassistische Dinge sagen darf.

    Gut, dass das Heimatjuwel diesen Begriff etwas anders definiert: Nämlich Heimat durch Regionalität. Und Heimatschutz nicht im Sinne der amerikanischen Stasibehörde, sondern durch eine sehr grüne und sehr saisonale Küche.
    Dass beim Thema Heimat auch Tabouleh ihren Platz hat, kann man ja gerne als politischen Kommentar interpretieren.

    Im Heimatjuwel denkt man aber fast unweigerlich noch über ein ähnliches Thema wie Heimat und Regionalität nach: warum es eigentlich so selten ist, dass ein Fine-Dining-Restaurant mit Menüfolge mal nicht in einem der zwei, drei üblichen Stadtteile beheimatet ist.
    Warum alle immer nach St. Pauli schwirren und derartige Restaurants es in Wohnstadtteilen wie Eimsbüttel und Barmbek traditionell schwer haben.

    Das Gute ist manchmal ganz nah. Das hat die Küche des Heimatjuwel schon verstanden. Jetzt sind wir Gäste an der Reihe.

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    Ideal für: Weeknight Dinner, aber n bisschen besonders

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  • Old Commercial Room

    Old Commercial Room

    Die meinen das ernst!

    Die meinen das wirklich ernst!

    Diese ganze in dunkles Holz  gegossene Hanseatigkeit.
    Dieses Mikadogebilde aus Devotionalien.
    Diese penible Genauigkeit, mit der in Bild und Schrift festgehalten wird, wer hier schon mal da war und wo genau.
    Diese Innenarchitektur, die eigentlich eine Zeitkapsel der alten Bundesrepublik ist.
    Das meinen die alles wirklich ernst! Das ist nicht einfach nur Dekoration, um irgendwelche verpeilten Michelbesucher mit dem Versprechen einer vermeintlichen Hamburgensie in das Lokal zu locken. Der Old Commercial Room ist! wirklich! so!

    Nichts ist Fassade, nichts ist Verkleidung. Die Messingbeschläge und die Mahagoniholzwände sind keine Zier, sie sind ein nicht in Frage zu stellender Teil der DNA. Es entspringt alles der tiefen Überzeugung, dass dieses Restaurant nur genau so aussehen kann.

    Und genauso ernst meinen die auch das Essen. Der Labskaus ist eben nicht so gemacht, dass er für die Touristen schon reicht, sondern mit so viel Ernsthaftigkeit, als könnten jederzeit die als Foto an der Wand hängenden Freddy Quinn, Heidi Kabel oder Helmut Schmidt zur Tür hereinkommen und hanseatische Rechenschaft einfordern.

    Die meinen das alles wirklich und aufrichtig ernst.

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    Ideal für: mit Besuch von außerhalb

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  • Rainer Schneider

    Rainer Schneider

    Wenn man eine Gesellschaft lange genug betrachtet, ist eigentlich gar nicht so viel in Stein gemeißelt wie man denkt. Es war noch bis in die 60er eigentlich undenkbar, als Mann keinen Hut zu tragen. JFK war der erste Präsident, der bei seiner Amtseinführung darauf verzichtete. Und das war erst der erste seiner Skandale, der mit fehlender Kleidung zu tun hatte. Und irgendwie dachte ich mir, dass in einem der vielen Lockdowns irgendeine gesellschaftliche Errungenschaft schon auf der Strecke bleiben wird. Ich tippte ja auf Frisuren, dass das einfach vorbei ist. Dass wir als menschliches Kollektiv irgendwie gemerkt haben “geht auch ohne, lassen wir ab jetzt einfach”. Frisur würde man dann nur noch auf Verkleidungspartys tragen oder im Rahmen kurzweiliger Modetrends. Wenn es die denn überhaupt noch geben würde, denn auf Hosen und Schuhe hätte ich auch nicht gewettet, dass die das überstehen. Wozu auch? Der postindustrialisierte Mensch braucht seinen Körper größtenteils eh nicht, wir sind ja keine Jäger und Sammler mehr. Warum nicht gleich alles unterhalb der Videocall-Linie vergessen, sieht ja keiner. Man tätowiert sich ja auch nicht die Innenseite der Backe. Kam dann aber doch anders. Wir sind wieder draußen und können somit nicht mehr bestimmen, aus welcher Perspektive man uns sieht. Jetzt muss man sich wieder 360-Grad um den ganzen Zellhaufen kümmern, den man da so in der Öffentlichkeit Gassi führt. Das Gute: wenn man schon sehen und gesehen werden muss, ganz ohne die Möglichkeit die Kamera auszuschalten, gibts dazu wenigstens einen richtig guten neuen, sehr realen Ort. Im und vor allem um das Rainer Schneider gibt es so viel Außenfläche, dass Ordungsamtsmitarbeiter regelmäßig davon Albträume bekommen. Und dazu gibt es sehr moderne, hanseatische aber eben auch gleichzeitig internationale Gerichte. Und vor allem ordentlichen Wein und Drinks, die die Ecke zu einem der Rumhängspots des Sommers 2021 machen. Wo man dann rumsitzt, mit seiner Frisur, seinem Unterkörper, seiner Hose und seinen Schuhen. Ohne das jemand den Mikrofon- oder Kamera-aus-Knopf drücken kann. Herrlich!

    Ideal für: Trinken, essen, sitzen, schauen

  • Gasthof Alt Sieseby 

    Gasthof Alt Sieseby 

    157 Tage. 157 Tage hab ich mir überlegt wo ich wohl als erstes wieder hingehen werde, wenn man wieder irgendwo hingehen kann. Vienna war ganz oben, das Bianc, 100/200 oder das Haebel. Lieblingsläden oder Läden in die man schon lange mal gehen wollte. Am Ende wurde es der Gasthof Alt Sieseby an der Schlei. Ich hab von beiden vorher nie wirklich gehört aber ein Sylt-Urlaub musste umgeplant werden und dann nimmt man eben die Modellregion, die man bekommen kann. Aber am Ende war es wohl genau gut so. Weil man nach all den Haute Cuisine-Kochboxen, nach all den To-Go Angeboten seiner bekannten Lieblingsrestaurants eben genau das vermisst hat: Eine spontane Einkehr. Eine Umgebung, die nicht die eigene Wohnung ist. Ein Gruß aus der Küche, mit dem man nicht gerechnet hat. Ein schön angerichteter Beilagensalat, den man nicht aus einer Vakuumtüte drücken musste. Eine Fischsuppe, die man sich zuhause niemals nur als Vorspeise gemacht hätte. Bratkartoffeln, die man nicht so knusprig in der eigenen Teflon-Pfanne hinbekommt und eine Scholle, die man vermutlich im Frischeparadies liegen gelassen hätte weil man keine Ahnung hat wie man das Riesenteil brät und dann doch lieber zum Kabeljau greift. Genau das hat man vermisst: das Gast sein, il dolce far niente, das süße Nichtstun. Die gute Nachricht ist: auch nach so langer Zeit, man hat das Nichtstun zum Glück nicht verlernt.

    Ideal für: Tagesausflug (nur gut 1,5 h von Hamburg)

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  • Veddeler Fischgaststätte

    Veddeler Fischgaststätte

    Leute die “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen” sagen, geht es wirklich nie um das, was man angeblich nicht mehr sagen darf, sondern immer nur um den Umstand, dass sie irgendwas nicht mehr sagen dürfen. Und während dann oft auch noch skandiert wird “dass man heutzutage ja überhaupt nichts mehr sagen darf” wird recht schnell klar, dass man heutzutage sehr viel sagen darf und meist eben nur ein paar unwichtige Kleinigkeiten nicht mehr. Sowohl Dickmänner als auch die Paprikasauce spielen zum Beispiel schon seit Jahrzehnten kulinarisch nicht mehr die Rolle, die sie immer wieder sprachlich spielen. Also wollen Leute die sagen, dass man heutzutage ja gar nichts mehr sagen darf, selten genau das sagen, was sie nicht mehr sagen dürfen, sondern einfach nur irgendwas sagen, das man nicht sagen darf. Und das geht aber auch ganz einfach ohne Minderheiten zu beleidigen: zum Beispiel in dem man Geheimtipps verrät. Mir wurde recht häufig gesagt, dass ich bloß nicht zu vielen Leuten was von der Veddeler Fischgaststätte sagen soll. Mach ich aber jetzt trotzdem: Denn erstens kann man bei einer über 80-jährigen Gaststätte nicht erwarten, dass hoffentlich niemand was davon mitbekommen hat und man das “kultige” Ding noch möglichst lange für sich alleine hat und zweitens sind der Backfisch und die Fischfrikadellen dafür einfach zu lecker. Und dass die Veddeler Fischgaststätte in Ihrer exponierten Lage zwischen Autobahn, Elbbrücken und LKW-Verladeplätzen zwar wirkt wie eine kleine Oase, allerdings wie eine Oase aus einem norddeutschen Stephen King-Roman … also das wird man ja wohl wirklich noch sagen dürfen!

    Ideal für: Ende einer Radtour am Veddeler Deich

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  • Reep

    Reep

    Man hat’s hier nicht leicht als Genuss. Nur eine Straßenecke weiter säuseln die Dienstleisterinnen in Moonboots ein hauchzartes “Na Kleiner, heute Nacht schon was vor?” in dein Ohr um einen zum Koitus zu verleiten. Oder zumindest zur Abhebung am nächsten Geldautomaten. Dazwischen Bars, die einem anbieten, die Sinne mit allem zu betäuben, was die Menschheit so an Brau- und Brannterzeugnissen bisher hervorgebracht hat, von der Wodkabombe bis zum Herrengedeck. Man kann sich der Ekstase des Tanzes hingeben, oder das was man zu diesem Zeitpunkt noch für Tanz hält. Und möchte man mit seinen Sinnen die Pfade des Legalen verlassen, wird einem auch die nahe Davidswache davon kaum abhalten können. Für den Geschmackssinn war die Reeperbahn bisher allerdings eher ein unbefriedigendes Gebiet, zumindest nüchtern. Das Reep, etwas versteckt im Schmidts Tivoli und explizit nicht als reines Theaterrestaurant gegründet, schickt sich an daran etwas zu ändern. Und es scheint ihnen zu gelingen. Ein paar bodenständige Originale wie Labskaus und Roulade sind sehr lecker, könnten aber gerne noch die Prise Besonderheit vertragen, die zum Beispiel die Vorspeise “Angler Sattelschwein” mit dreierlei Schwein – als Pulled Pork-Krokette, als gebackene Stippe und als gebeiztes Carpaccio – hat. Die Portionen könnten gerne ein bisschen kleiner sein und die Nachspeise ein bisschen weniger süß, aber ein bisschen drüber passt ja dann am Ende auch gut zur Reeperbahn. Gerade in einer Zeit, in der die sinnliche Ekstase fast allumfassend eingeschränkt werden muss.

    Ideal für: Besuch von außerhalb, Hamburger Klassiker

  • Wohlers

    Wohlers

    Martin Luther hat alles dafür getan, dass es das Wohlers niemals hätte geben sollen. Denn als der Mann vor gut 500 Jahren ein paar historische Post-Its an die Wittenberger Kirche klebte, hatte das ganze auf lange Sicht betrachtet durchaus auch kulinarische Folgen. Die typischen süddeutschen Gaststätten, mit Völlerei, Wein und Bier und immer wieder von oben geduldet durch die Möglichkeit des befreienden Ablasshandels hatten im freudlos protestantischen Norden einfach keine Legitimation. Und so merkt man, gerade als “Zuagroaster”, dass Hamburg eben genau diese typischen Wirtshäuser fehlen. Holzvertäfelt, leicht schummrig, mit guter, bodenständiger Kücher aber auch der Möglichkeit, einfach nur für ein paar Bier hinzugehen. Das Wohlers ist da die glückliche Ausnahme. Ein paar Klassiker auf der Karte, ein paar moderne Gerichte wie Jakobsmuscheln und Pulpo, alles in einer atmosphäre bräsiger Gemütlichkeit, die geradezu nach der Errichtung einer regelmäßigen Trinkinstitution namens Stammtisch schreit. Vor allem im Sommer, wenn im Garten fast so etwas wie Biergartenatmosphäre aufkommt. Aber Vorsicht: Gegenüber ist der ehemalige Friedhof Norderreihe. Von oben beobachten also eventuell ein paar evangelische Seelen mit kritischen Blick dieses beinahe katholische Vergnügen. Von daher: Vergelt’s Gott!

    Ideal für: gemütliches Abendessen, Runde mit Freunden