Kategorie: Mediterran

  • Juventude do Minho

    Juventude do Minho

    „Raindrop, Droptop!“ Das Verdeck des Camaro offen, die Interstate 405 unter und Downtown Los Angeles vor mir – während mir aus den Boxen Summer Cem lautstark mitteilt, dass er die Mutter seines Kontrahenten gerne sexuell beglücken möchte, und das ausdrücklich und ausgerechnet in Gladbach.

    Ein merkwürdiger Moment, damals, im Januar 2020, als man noch nicht so recht ahnen konnte, was da bald noch für merkwürdige Momente kommen würden. Und dann kam ausgerechnet noch dieses Schild:
    “This highway section was sponsored by the atheist society of America”.
    Ich wunderte mich aber nicht über das schon reichlich wunderliche Adopt-a-Highway Programm, sondern viel mehr über folgendes: Was zur Hölle macht eigentlich ein Verein für Atheisten? Ihr gemeinsamer Nenner ist ja, dass es diesen gemeinsamen Nenner aus ihrer Sicht gar nicht gibt. Wie läuft das? „Willkommen zum wöchentlichen Vereinsmeeting! Glaubt ihr auch immer noch nicht daran?“ „Nein.“ „Nope.“ „Ich auch nicht.“ „Ja cool, dann bis nächste Woche.“

    Eins wurde mir auf den Meilen danach aber langsam klar: der Mensch, ob Atheist oder Buddhist, er kann nicht alleine.

    Und wer nicht an Gott glaubt, der glaubt zumindest an Vereine.

    Man trifft sich in Vereinen nämlich nicht, weil man dort gemeinsam gewinnen oder verlieren will, weil man ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Gegner oder ein gemeinsames Nichts hat – man trifft sich, weil man sich dort trifft. Sogar mitten im Industriegebiet Wilhelmsburg, im Vereinsheim von Juventude do Minho.

    Als nicht sonderlich großer Fan von portugiesischer Küche hätte ich woanders über ein Steak mit Ei und Schinken in einer Dachziegel bestimmt mit den Augen gerollt. Aber nicht hier. Denn alles hier ist ein Spagat: zwischen schlichten Chips als Beilage und dem großen Spektakel einer flambierten Chorizo, zwischen abgelegenen Industriezweckbau und dem Glanz großer Triumphe, von denen all die Pokale erzählen.

    Bestimmt sind in irgendeinem Restaurant die Doraden saftiger und die Beilagen ausgeklügelter, aber im Juventude do Minho geht es wie in jedem Vereinsheim nicht um Perfektion. 

    Es geht darum, dass man da ist. 

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    Ideal: Mit einer Prollkarre und Summer Cem aus den Boxen kleinen Ausflug machen

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