Kategorie: Leger

  • Salt & Silver am Meer

    Salt & Silver am Meer

    Corona hat für die Digitalisierung gesorgt. Putin sorgt für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ich schätze mal, dass ein Kometeneinschlag für die Gleichberechtigung der Frauen sorgen wird. Aber fragt mich nicht wie, ich weiß es nicht, ich weiß nur eins: wir leben nicht gerade im Zeitalter der einfachen Kausalitäten. Der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas kann dafür sorgen dass hier irgendein Ingo Sonnenblumenöl in seinen Tank kippt. Nichts ist mehr einfach, nichts ergibt mehr auf den ersten Blick Sinn. Außer das hier: Salt and Silver am Meer. Jetzt erst merkt man, wie falsch sich die ganze restliche “Draußen nur Kännchen”-Gastronomie an der Nordsee anfühlt, jetzt erst merkt man, dass die Elbe nur ein mariner Zwischenschritt zur echten Meeresküste war. Leben werden vorwärts gelebt, aber rückwärts erzählt und das gilt wohl auch für das Leben einer gastronomischen Idee. Und auch wenn man sich sicher sein kann dass das nicht das letzte Venture von Salt and Silver ist, hat hier in Sankt Peter-Ording ein Konzept zu sich selbst gefunden. Strand aus Sand statt Palmen aus Plastik. Und dazu Zutaten aus der Region, auf einem riesigen Lavagrill zubereitet, eine Weinkarte, bei der man sich streitet wer zurückfahren muss aber vor allem: Seafood. Salz in der Nase, Salz auf der Haut, Salz auf der Zunge. Manche Dinge versteht man sofort.

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    Ideal für: Tagesausflug oder doch für immer da bleiben

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  • Kim’s Kitchen

    Kim’s Kitchen

    Designermöbel sind ein Scam. Niemand fühlt sich wirklich wohl zwischen ihnen. Man stellt sie sich in die Wohnung, weil man gerne der Mensch wäre, der sich in so einem Vitra-Museum zu Hause fühlt, eine Art Design Möbel-Über-Ich. Der vollkommene Wohnmensch, Archetyp-Architectural Digest, dessen einzige Unvollkommenheit das bewusst leicht schief liegende Coffee Table Book ist. Geht mal in Kim’s Kitchen und stellt euch vor, hier würde alles voller USM Haller und Eames stehen. Keiner würde sagen: “Toll, hier fühlt es sich ja an wie als würde man bei Kim im Wohnzimmer sitzen.” So aber, mit den zusammengewürfelten Bänken und Tischen, den überall verstreuten Sitzkissen in Musterkombis über die glücklicherweise nie ein Interior-Designer nachgedacht hat, mit all den Krimskrams, den Leuchtreklamen und Girlanden und nicht zuletzt dank Kim fühlt man sich hier nicht wie in einem Imbiss oder Restaurant, sondern wie in einer kleinen, privaten Einzimmerwohnung. Kim kocht laotisch, und während es nur ein paar Meter entfernt dampft und zischt, unterhält sie sich mit den Gästen und erzählt, dass es keinen Favoriten auf der Karte gibt, sondern dass alle ihre Gerichte ihre Lieblingsgerichte sind. Na gut, wenn sie das nicht machen möchte, mache ich das eben. Die Vorspeise, Reisnudeln mit gehackten Lachs und einer tiefen Sauce aus Kokosmilch konnte schon sehr überzeugen, genauso wie die in der Pfanne geschwenkten Weizennudeln. Der wahre Knaller aber war das Larb, das laotische Nationalgericht (das manche schon mal als Laab beim Thai hatten). Ein lauwarmer Salat aus Rindfleisch (in Scheiben statt wie beim Thai oft als Hack), drei verschiedenen Arten von Zwiebeln, Galgant, Zitronengras, Kräuter, zwei Arten Chilis, Limette und Fischsauce ergeben eine Umami-Scharf-Salzig-Würzig-Sauer Aromenbombe, bei der alle Geschmacksknospen aus dem Winterschlaf gerissen werden, als wäre im Körper Notfallsirenentesttag. 

    Ich werde bestimmt wiederkommen. Weil ich mindestens die anderen vier Larb probieren möchte, weil ich die herzliche Atmosphäre in Kims Wohnzimmer so mochte – und wegen des unschlagbaren Angebots mit den Plastikuhren im Schaufenster, jede für nur 7 Euro!

    Ideal für: Private Dining Feeling

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  • Slim Jims

    Slim Jims

    Es ist mir ja eigentlich egal. Aber eigentlich heißt es Guide. Französisch ausgesprochen. Wie “Gied”. [ɡid]. Nicht Guide. [ɡaɪ̯d]. Wie der Survival Guide. Oder der Tourist Guide. Wenn ich irgendwo mit nem Regenschirm rumstehe dann nicht um irgendwelchen Erikas aus Kassel den Kiez zu zeigen, sondern weil ich mal wieder bei Sauwetter an nem Stromkasten was futtere. Guide Pelzenstein. Wie der Guide Michelin. Im Gegensatz zu denen mach ich zwar keine Reifen, höchstens unreife Witze – aber n bisschen ist der Restaurantführer mit dem dicken Männchen eben schon Inspiration für diesen Instagram-Restaurantführer mit dem anderen dicken Männchen (Lockdown hit me hard). Auch weil die Bewertung schlau ist: 1 Stern ist einen Stop wert, 2 Sterne ist einen Umweg wert, 3 Sterne ist eine Reise wert. 

    Das Slim Jim gibts zwar noch nicht so lange wie den Guide Michelin aber immerhin schon seit 2009 und das war ne Zeit in dem sich noch nicht so richtig viele Läden Gedanken über Pizza gemacht haben und in der es noch keine Hefejunkies gab, die 72 Stunden cold fermenten und Hydrations-Ratios im Schlaf runterbeten können. Als große Innovation galt vielleicht Käse im Rand und “neapolitanisch” hielten die meisten für eine Verfahrensweise, wie man unliebsame Konkurrenten verschwinden lassen konnte. Und da fing Slim Jim mit den namensgebenden, sehr dünnen Pizzen an. Denn dünne Pizzen waren damals noch ein Qualitätsmerkmal. Und jetzt, nachdem man nach einiger Zeit mal da wieder da war? Bei ner dünnen Pizza kann man jetzt natürlich nicht wie so ein Mehlsommelier dastehen und über die Nuancen des Teigs fachsimpeln. Und die Tomate war vielleicht nicht ganz so geschmacksintensiv. Aber meine Lieblingscombo von vor 10 Jahren, Salsiccia und Zwiebeln, ist dann doch immer noch ziemlich gut. Und auch wenn ich jetzt nicht 3-Sternemäßig durch die ganze Stadt reisen würde, um ne Slim Jim Pizza zu essen, so kann man 1- oder 2-Sternemäßig gerade in der gastromäßig gar nicht so reich beschenkten Schanze durchaus nen Stop oder nen Umweg einlegen. 

    Ideal für: einen Stop oder einen Umweg

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  • Mission Pizza

    Mission Pizza

    Ab wieviel Wortspiel zeigt eigentlich ein Gastronom oder eine Gastronomin, dass er/sie vielleicht heimlich doch lieber einen Friseursalon aufgemacht hätte? Zum Glück haben bei Mission Pizza nur eine handvoll Gerichte Namen, bei denen man kurz vor dem Bestellanruf überlegt, ob man nicht doch lieber über die Lieferando-App bestellt. Bei der “Specktacular” mit Speck, Champignons und roten Zwiebeln ist die Benennung auch wirklich das Einzige, was ich daran auszusetzen habe. Und das obwohl ich kein großer Fan von Pizza Bianca bin. Bei der “Hot Honey” meckere ich gar nicht mehr: Salami mit Chilli-Honig und Tomatenbase, und das ganze auf New York-Style dough, der durchaus mal eine angenehme Abwechslung zu den ganzen neapolitanischen Teigungetümen ist. 

    Für alle Follower: Hingehempfehlung. 

    Und für Mission Pizza: hier ein paar Worstpiel-Rezept-Ideen:

    Pizza al Funky – mit Pilzen, aber die mit denen man alles bunt sieht

    Pizza Prostciuotto – mit Schinken und 4 Peroni

    Pizza ‚Ndrangheta – mit so viel Knoblauchöl, dass man danach nicht mehr reden sollte.

    Pizza Kawaii – mit Ananas und in Hello Kitty-Form

    Pizza Quattro Formatschi – zu kurz gebacken

    Pizza Pompei – zu lang gebacken

    Pizza Sparma – mit dem billigen luftgetrockneten Schinken

    Ideal für: Lockdown-Spaziergänge, Bestellung

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  • Veddeler Fischgaststätte

    Veddeler Fischgaststätte

    Leute die “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen” sagen, geht es wirklich nie um das, was man angeblich nicht mehr sagen darf, sondern immer nur um den Umstand, dass sie irgendwas nicht mehr sagen dürfen. Und während dann oft auch noch skandiert wird “dass man heutzutage ja überhaupt nichts mehr sagen darf” wird recht schnell klar, dass man heutzutage sehr viel sagen darf und meist eben nur ein paar unwichtige Kleinigkeiten nicht mehr. Sowohl Dickmänner als auch die Paprikasauce spielen zum Beispiel schon seit Jahrzehnten kulinarisch nicht mehr die Rolle, die sie immer wieder sprachlich spielen. Also wollen Leute die sagen, dass man heutzutage ja gar nichts mehr sagen darf, selten genau das sagen, was sie nicht mehr sagen dürfen, sondern einfach nur irgendwas sagen, das man nicht sagen darf. Und das geht aber auch ganz einfach ohne Minderheiten zu beleidigen: zum Beispiel in dem man Geheimtipps verrät. Mir wurde recht häufig gesagt, dass ich bloß nicht zu vielen Leuten was von der Veddeler Fischgaststätte sagen soll. Mach ich aber jetzt trotzdem: Denn erstens kann man bei einer über 80-jährigen Gaststätte nicht erwarten, dass hoffentlich niemand was davon mitbekommen hat und man das “kultige” Ding noch möglichst lange für sich alleine hat und zweitens sind der Backfisch und die Fischfrikadellen dafür einfach zu lecker. Und dass die Veddeler Fischgaststätte in Ihrer exponierten Lage zwischen Autobahn, Elbbrücken und LKW-Verladeplätzen zwar wirkt wie eine kleine Oase, allerdings wie eine Oase aus einem norddeutschen Stephen King-Roman … also das wird man ja wohl wirklich noch sagen dürfen!

    Ideal für: Ende einer Radtour am Veddeler Deich

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  • Mexiko Straße To Go

    Mexiko Straße To Go

    Die Welt ist keine Kugel. Die Welt ist eine Scheibe. Eine weiche, warme Scheibe aus Maismehl die in regelmäßigen Abständen von einer galaktischen Schildkröte in der Mitte zusammengefaltet wird. Was wir als Berge wahrnehmen, ist in Wirklichkeit eine riesige Menge geschmortes Rindfleisch, das von den Illuminaten als Opfergabe in der Mitte der Scheibe dargereicht wird. Chemtrail-Flugzeuge der Schattenregierung streuen Chicharronpulver über das Ganze und die Echsenmenschen treiben uns mit Zweibelwürfeln Tränen in die Augen, die sie dann heimlich Abzapfen können um ihre Raumstation auf der dunklen Seite des Mondes zu betreiben. Die Welt ist ein Taco! Wacht endlich auf!!!!!!!

    Ideal für: Alle, vom Schlafschaf bis zum Verschwörungstheoretiker

  • Ume no Hana

    Ume no Hana

    Was haben Schuhe und Schlüssel eigentlich gemeinsam? Hat man früher einfach Türen mit dem Fuß aufgetreten und durch viele Innovationen und konstante Weiterentwicklung hat sich daraus der praktischere Türöffner “Schlüssel” entwickelt? Oder wurden frühe Schlüssel einfach auch aus Leder hergestellt, bis einem klar wurde, dass man damit nicht das Auto des untreuen Ehemanns zerkratzen kann? Irgendeinen triftigen Grund muss es doch geben, warum Schlüsseldienste und Schuhereparaturen immer von denselben Läden angeboten werden. Und vor allem: warum das ein Erfolgsmodell zu sein scheint. Man weiß ja aus der Gastro zur Genüge: Wenn jemand zwei oder mehr komplett unterschiedliche Dinge anbietet, wirds selten geil. Und selbst wenn die beiden Dinge gar nicht mal so weit auseinanderliegen (naja, 3800 km), am Ende sind vietnamesische Pho und japanische Ramen ja beides Nudelsuppen. Und was sie auch gemeinsam haben: im Ume no Hama sind beide so okay. Ähnlich wie die Vorspeisen. Kann man machen, muss man aber nicht. Haut keinen um, genauso wenig wie keinen mehr die komplett absurde Kombination von Schuh- und Schlüsseldienst umhaut.

    Ideal für: Paare und Gruppen die sich nicht zwischen Ramenbar und Vietnamese entscheiden können

  • Saint Pablo’s

    Saint Pablo’s

    Ich möchte ein goldenes iPhone in einer Hülle aus Hirschleder. Ich möchte Sekt auf Eis und das Eis ist aus Champagner. Ich möchte mit einem Jetski im Handgepäck auf die Seychellen fliegen. Ich möchte eine Rolex mit Diamanten und in jedem Diamanten steckt eine Miniatur-Rolex. Ich möchte Donald Trumps Trump-Tower-Appartement nur um da die Klamotten für den Flohmarkt abzustellen. Ich möchte dass Coldplay live Fahrstuhlmusik für mich spielt, wenn ich in einer Telefonwarteschleife stecke. Ich möchte mit Perrier duschen und mir mit Courvoisier die Hände desinfizieren. Ich möchte eine G-Klasse Landaulet, in der der Zigarettenanzünder mit einem eigenen AMG V8 betrieben wird. Ich möchte jemanden, der für mich Zigarren raucht. Und ich möchte meine Tacos weiterhin so geisteskrank üppig vollgestopft wie bei Saint Pablo’s, zusammen mit einer komplett überdesignten Dose Bier.

    Opulenz ist ein menschliches Grundrecht.

    Ideal für: schnelles Abendessen, schönes Wetter

  • Dim Sum Haus

    Dim Sum Haus

    TSCHINA! TSCHEINA! TSCHAINA!!!! Wie froh kann man eigentlich, sein dass der orange Agitator bald nicht mehr den roten Knopf in der Hand und die große Fresse hinter dem präsidialen Rednerpult hat? Und das asiatische Land für alles und vor allem die eigene Inkompetenz blamen kann? Dann denkt man bei “chinesich” vielleicht auch endlich mal wieder ans Essen. In den 90ern war “der Chinese” ja der Inbegriff der Exotik, was mich aber als leicht übergewichtigen Teen trotzdem nie dazu inspiriert hat, mal was anderes als “Schweinefleisch süß-sauer” zu bestellen. Dass da noch n bisschen mehr geht bekommt man aber gar nicht mehr so leicht mit, da ja inzwischen jedes China-Restaurant gefühlt einem Thai, Vietnamesen oder Koreaner weichen musste. Nur das Dim Sum Haus trotz seit fünf Jahrzehnten diesem Trend. Und zwar mit voller Wucht. Das Interieur hat eine so wunderbare chinesische Trutschigkeit, dass es fast schon an Stereotypie grenzt. Sieben Präsidentenamtszeiten hält man aber nicht nur mit ein paar Ming-Vasen und Wandlaternen durch: die Dim Sums aus der reichhaltigen Karte sind wirklich großartig, man sollte viele bestellen und unbedingt auf die Tipps der Kellner hören. Trotzdem aber bitte noch etwas Platz lassen für die Peking-Ente. Die ist alles andere als eine “lame duck”, sodass um die knusprige Haut des Geflügels schon bald bilaterale, diplomatische Krisen an beiden Enden des Tisches entstehen. Die Ente und die Dim Sums gibt’s gerade jetzt im November übrigens auch für Zuhause. Das ist insofern vorteilhaft, weil man eine Peking-Ente quasi unmöglich selbst zuhause hinbekommt und man sich gleichzeitig nicht mit dem etwas ungeschickten Empfangspersonal des Dim Sum Hauses rumärgern muss. Naja, die letzten 4 Jahre haben eben dann doch zu einer gewissen Sittenverrohung beigetragen.

    Ideal für: 90er Nostalgie, viel Hunger (man möchte einfach möglichst viele Dim Sums probieren), Gruppen (dann bekommt man den Tisch mit der Drehplatte)

  • Kokomo Noodle Club

    Kokomo Noodle Club

    Dieser Körper ist ein Gefängnis. Meine Artgenossen springen von Sims zu Sims, liefen über heiße Blechdächer und tanzten über die Bühnen der Musicaltheater. Aber ich bin hier, in die Unbeweglichkeit verdammt. Die Augen starr geradeaus, die Hinterläufe mit dem Unterkörper vollends verschmolzen, den rechten Arm wie angeklebt angelegt. Nur die linke Pfote, diese verfluchte linke Pfote ist das letzte Zeichen meiner Lebendigkeit. Ein letzter Rest Würde, ein letzter Rest Bewegung. Der letzte Weg um mich der Welt mitzuteilen. Und dann ist alles, was ich machen kann: auf und ab, auf und ab, auf und ab, auf und ab, auf und ab. Winke, winke. Bye, bye, bye, bye. Machts gut, machts gut, machts gut. Das Universum ließ mir nicht mal mehr ein Wort, nur noch ein Geste, eine einzige unmissverständliche Geste, eine einfache Botschaft, die ich den Anderen mitgeben kann und sie lautet: geht!

    Nur eine halbe Drehung würde reichen und ich könnte sie heranwinken, könnte sagen: “Kommt her, leistet mir Gesellschaft. Tretet ein, labt euch. Erlebt die Freuden die mir nicht mehr zugestanden werden. Esst die hervorragenden Gyozas, das knusprig-sabschige Korean Fried Chicken, die Ramen mit wunderbaren Biss. Trinkt, esst, streitet, küsst, tanzt, schlagt euch!” Nur eine kleine Drehung der Pfote, und die Welt würde mich endlich verstehen.

    Wieviel Leben haben Winkekatzen, und wann ist dieses endlich vorbei?

    Ideal für: Weeknight Dinner

  • Reep

    Reep

    Man hat’s hier nicht leicht als Genuss. Nur eine Straßenecke weiter säuseln die Dienstleisterinnen in Moonboots ein hauchzartes “Na Kleiner, heute Nacht schon was vor?” in dein Ohr um einen zum Koitus zu verleiten. Oder zumindest zur Abhebung am nächsten Geldautomaten. Dazwischen Bars, die einem anbieten, die Sinne mit allem zu betäuben, was die Menschheit so an Brau- und Brannterzeugnissen bisher hervorgebracht hat, von der Wodkabombe bis zum Herrengedeck. Man kann sich der Ekstase des Tanzes hingeben, oder das was man zu diesem Zeitpunkt noch für Tanz hält. Und möchte man mit seinen Sinnen die Pfade des Legalen verlassen, wird einem auch die nahe Davidswache davon kaum abhalten können. Für den Geschmackssinn war die Reeperbahn bisher allerdings eher ein unbefriedigendes Gebiet, zumindest nüchtern. Das Reep, etwas versteckt im Schmidts Tivoli und explizit nicht als reines Theaterrestaurant gegründet, schickt sich an daran etwas zu ändern. Und es scheint ihnen zu gelingen. Ein paar bodenständige Originale wie Labskaus und Roulade sind sehr lecker, könnten aber gerne noch die Prise Besonderheit vertragen, die zum Beispiel die Vorspeise “Angler Sattelschwein” mit dreierlei Schwein – als Pulled Pork-Krokette, als gebackene Stippe und als gebeiztes Carpaccio – hat. Die Portionen könnten gerne ein bisschen kleiner sein und die Nachspeise ein bisschen weniger süß, aber ein bisschen drüber passt ja dann am Ende auch gut zur Reeperbahn. Gerade in einer Zeit, in der die sinnliche Ekstase fast allumfassend eingeschränkt werden muss.

    Ideal für: Besuch von außerhalb, Hamburger Klassiker

  • Restaurant Klinker

    Restaurant Klinker

    Klinker ist nicht Terracotta. Es ist norddeutsche Klarheit gegen mediterrane Dekoration. Da nich für gegen dolce far niente. Dem Leben trotzen statt dem Leben frönen. Für Klinker muss man dem Ton 1300 Grad entgegenfeuern, damit sich die Poren glasgleich verschließen, viel mehr als jedem anderen Ziegel. Dann kann kommen was will, Nieselregen, Platzregen, Schneeregen, Regen von unten, Stürme und Sturmfluten. Es perlt ab. Klinker ist nicht immer schön, aber manchmal eben alternativlos. Klinker muss durch Sachen eben durch. Hoffentlich auch durch diese Sache mit dem Husten und den Aerosolen. Denn hinter jedem Wall aus Ton, wenn das, was abgewehrt werden muss, abgewehrt wurde, findet sich immer Wärme. In Menschen, in Gläsern, auf Tellern, im nordischen Spitzkohl genauso wie in mediterranen Sobrasada-Gnocchi.

    Möge dieses Haus noch stehen, wenn der Sturm vorbeigezogen ist.

    Ideal für: casual Fine Dining, Dates und kleine Freunderunden

  • Tōrnqvist

    Tōrnqvist

    Dieser Beitrag ist eigentlich komplett sinnlos, denn das tōrnqvist gibt es seit heute nicht mehr. Und obwohl die Schlange am letzten Tag so lang war, dass selbst die Polizei mal vorbeischauen musste, wird die Schließung vermutlich nicht alle stören. Denn ein bisschen als Hipsterladen war es natürlich schon verschrien: Nur 3 Arten der Zubereitung, kein Zucker, das minimalistisch-kubistische Interior, das nur zu gerne als Hintergrund von irgendwelchen Influencerinnnen genutzt wurde – es hätte durchaus alles auch aus einem Conan O’Brien Sketch über Gentrifizierung stammen können. Persönlich gings mir mit dem Tōrnqvist ähnlich wie mit dem Ændrè – ich fand den Dogmatismus um das Thema Kaffee irgendwie unfreiwillig komisch. Aber der Zweck heiligt auch hier die Mittel. Flat White fand ich zwar immer nur so mittel, ich finde der Kaffee hier eignet sich nicht für Milch. Aber Handbrew, Shot, alles was quasi Kaffee pur war, war immer auf einem anderen Level. Weil man hier eben nichts verstecken konnte und sich die nerdige Detailversessenheit dieses Ladens ausgezahlt hat. Und ob man Fan war oder nicht: es ist immer scheiße, wenn ein Laden schließt, der sich mehr Mühe und mehr Gedanken über das, was er den Leuten verkauft, gemacht hat.

    Hoffentlich hat Trude Herr recht: Niemals geht man so ganz.