Kategorie: International

  • Der Player

    Der Player

    Wie eine Mischung aus Soho-House und dem McDonald’s Bällebad.

    So sah das Der Player für mich immer von Weitem aus. Und irgendwie wollte ich es deswegen gerne scheiße finden. Aber, es ist enttäuschenderweise mal wieder so, wie es so häufig ist, nämlich nicht ganz so einfach. Einerseits fragt man sich, ob man den Kickertisch und die Tischtennisplatte jetzt auch unbedingt gentrifizieren musste, andererseits ist es auch nicht immer gleich gentrifizieren, wenn man Billiard mal aus seiner selbstverschuldeten Spielothekigkeit herausholt. Und einem Volk, das mit eindeutiger Mehrheit die 4-Tage-Woche ablehnt, kann man auch gerne mal ganz unpädagogisch mit saftigen Hieben ein wenig Spiel und Freizeit einprügeln.

    Besagtes Volk verlangt aber ja, wie wir jungen Römer wissen, nicht nur nach Spielen, sondern auch nach Brot und deswegen jetzt Boulekugel aus der Hand und ab ins Erdgeschoss. Und auch hier ist es so, wie es beim Kickern meist auch ist: nicht ganz so einfach. Handwerklich ist das alles auf einem sehr hohen Level, Garpunkte wie bei der Garnele werden perfekt getroffen, die Zutaten sind von beeindruckender Qualität. Nur die Zusammensetzung verstehe ich nicht. Googlet einfach mal das Arcade-Game-Genre “Bullet Hell” und stellt euch vor, das ist eure Zunge. Jedes Gericht ist salzig, sauer, cremig auf Anschlag, wie als gäbe es einen High-Score zu knacken, aber leider hinterlässt deswegen auch jedes Gericht einen ziemlich ähnlichen Eindruck.

    Es fühlt sich an, als hätte jemand einen Ferrari-Testarossa mit Chanel No. 5 getankt, um dann aber Burnouts in einem Kreisverkehr in Oer-Erkenschwick zu drehen. Vielleicht ist das aber auch Teil des Konzepts. Vielleicht will da jemand einfach nur spielen. Ohne “Warum?”.

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    Ideal für: wenn man zu viel Netto macht für Kickern auf dem Kiez und Hesburger

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  • Bodega Lima

    Bodega Lima

    Dass sich die meisten Menschen sehr bewusst sind, dass der Klimawandel ein bedrohliches Problem ist, zeigt ein Blick auf die Rangliste der beliebtesten Namen für männliche Neugeborene. Ich glaube nämlich kaum, dass man bei der Wahl des Namens “Noah” nur an den Sohn von Boris Becker gedacht hat, sondern eher die leise Hoffnung trägt, dass wenn der Bub schon nicht die kalte Fusion oder ein Verfahren zur energiearmen Herstellung von e-fuels erfinden wird, dass er doch zumindest zum passablen Archenzimmerer gedeiht, sollte wirklich der ganze Rest schieflaufen.

    Neben so ner Holzkiste mit Zoo würde ich ja für steigende Meeresspiegel auch einfach Peru in Betracht ziehen. Die haben einerseits ein paar Sechstausender und wissen andererseits recht gut, was man mit mehr Meer so anstellen kann. Ceviche zum Beispiel. Wenn das zu weit ist, dann geht auch die Bodega Lima. Hier fällt schon mal positiv auf, dass was hier Ceviche heißt auch Ceviche ist, während die restliche Gastronomielandschaft inzwischen wirklich jede Art von kalten Fisch so bezeichnet (RIP Sashimi). Klassisch gehalten überzeugt es nicht nur, weil man inzwischen fast nur noch sehr kreative Interpretationen des peruanischen Nationalgerichts bekommt und wird eigentlich nur vom sensationell knusprigen und weichen Chicharron (Schweinebauch) getoppt.

    “Zwei von jeder Art” kann daher sowohl ein herrgöttlicher Befehl an Noah sein als auch meine Bestellung nach einem Blick auf die Gänge in der Bodega Lima.

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    Ideal für: endlich mal wieder Ceviche wie früher

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  • Salt & Silver am Meer

    Salt & Silver am Meer

    Corona hat für die Digitalisierung gesorgt. Putin sorgt für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ich schätze mal, dass ein Kometeneinschlag für die Gleichberechtigung der Frauen sorgen wird. Aber fragt mich nicht wie, ich weiß es nicht, ich weiß nur eins: wir leben nicht gerade im Zeitalter der einfachen Kausalitäten. Der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas kann dafür sorgen dass hier irgendein Ingo Sonnenblumenöl in seinen Tank kippt. Nichts ist mehr einfach, nichts ergibt mehr auf den ersten Blick Sinn. Außer das hier: Salt and Silver am Meer. Jetzt erst merkt man, wie falsch sich die ganze restliche “Draußen nur Kännchen”-Gastronomie an der Nordsee anfühlt, jetzt erst merkt man, dass die Elbe nur ein mariner Zwischenschritt zur echten Meeresküste war. Leben werden vorwärts gelebt, aber rückwärts erzählt und das gilt wohl auch für das Leben einer gastronomischen Idee. Und auch wenn man sich sicher sein kann dass das nicht das letzte Venture von Salt and Silver ist, hat hier in Sankt Peter-Ording ein Konzept zu sich selbst gefunden. Strand aus Sand statt Palmen aus Plastik. Und dazu Zutaten aus der Region, auf einem riesigen Lavagrill zubereitet, eine Weinkarte, bei der man sich streitet wer zurückfahren muss aber vor allem: Seafood. Salz in der Nase, Salz auf der Haut, Salz auf der Zunge. Manche Dinge versteht man sofort.

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    Ideal für: Tagesausflug oder doch für immer da bleiben

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  • Rainer Schneider

    Rainer Schneider

    Wenn man eine Gesellschaft lange genug betrachtet, ist eigentlich gar nicht so viel in Stein gemeißelt wie man denkt. Es war noch bis in die 60er eigentlich undenkbar, als Mann keinen Hut zu tragen. JFK war der erste Präsident, der bei seiner Amtseinführung darauf verzichtete. Und das war erst der erste seiner Skandale, der mit fehlender Kleidung zu tun hatte. Und irgendwie dachte ich mir, dass in einem der vielen Lockdowns irgendeine gesellschaftliche Errungenschaft schon auf der Strecke bleiben wird. Ich tippte ja auf Frisuren, dass das einfach vorbei ist. Dass wir als menschliches Kollektiv irgendwie gemerkt haben “geht auch ohne, lassen wir ab jetzt einfach”. Frisur würde man dann nur noch auf Verkleidungspartys tragen oder im Rahmen kurzweiliger Modetrends. Wenn es die denn überhaupt noch geben würde, denn auf Hosen und Schuhe hätte ich auch nicht gewettet, dass die das überstehen. Wozu auch? Der postindustrialisierte Mensch braucht seinen Körper größtenteils eh nicht, wir sind ja keine Jäger und Sammler mehr. Warum nicht gleich alles unterhalb der Videocall-Linie vergessen, sieht ja keiner. Man tätowiert sich ja auch nicht die Innenseite der Backe. Kam dann aber doch anders. Wir sind wieder draußen und können somit nicht mehr bestimmen, aus welcher Perspektive man uns sieht. Jetzt muss man sich wieder 360-Grad um den ganzen Zellhaufen kümmern, den man da so in der Öffentlichkeit Gassi führt. Das Gute: wenn man schon sehen und gesehen werden muss, ganz ohne die Möglichkeit die Kamera auszuschalten, gibts dazu wenigstens einen richtig guten neuen, sehr realen Ort. Im und vor allem um das Rainer Schneider gibt es so viel Außenfläche, dass Ordungsamtsmitarbeiter regelmäßig davon Albträume bekommen. Und dazu gibt es sehr moderne, hanseatische aber eben auch gleichzeitig internationale Gerichte. Und vor allem ordentlichen Wein und Drinks, die die Ecke zu einem der Rumhängspots des Sommers 2021 machen. Wo man dann rumsitzt, mit seiner Frisur, seinem Unterkörper, seiner Hose und seinen Schuhen. Ohne das jemand den Mikrofon- oder Kamera-aus-Knopf drücken kann. Herrlich!

    Ideal für: Trinken, essen, sitzen, schauen

  • Restaurant Klinker

    Restaurant Klinker

    Klinker ist nicht Terracotta. Es ist norddeutsche Klarheit gegen mediterrane Dekoration. Da nich für gegen dolce far niente. Dem Leben trotzen statt dem Leben frönen. Für Klinker muss man dem Ton 1300 Grad entgegenfeuern, damit sich die Poren glasgleich verschließen, viel mehr als jedem anderen Ziegel. Dann kann kommen was will, Nieselregen, Platzregen, Schneeregen, Regen von unten, Stürme und Sturmfluten. Es perlt ab. Klinker ist nicht immer schön, aber manchmal eben alternativlos. Klinker muss durch Sachen eben durch. Hoffentlich auch durch diese Sache mit dem Husten und den Aerosolen. Denn hinter jedem Wall aus Ton, wenn das, was abgewehrt werden muss, abgewehrt wurde, findet sich immer Wärme. In Menschen, in Gläsern, auf Tellern, im nordischen Spitzkohl genauso wie in mediterranen Sobrasada-Gnocchi.

    Möge dieses Haus noch stehen, wenn der Sturm vorbeigezogen ist.

    Ideal für: casual Fine Dining, Dates und kleine Freunderunden