Kategorie: Fine Dining

  • Heimatjuwel

    Heimatjuwel

    Bitte nicht falsch verstehen, ich will mein Kind jetzt nicht Adolf taufen. Aber neben gewissen Landratsposten sollten wir auch gewisse Begriffe nicht den Rechten überlassen. Heimat, zum Beispiel.

    Und das wird auch mal Zeit. Eines der einzigartigsten deutschen Wörter steht heutzutage in vielen Teilen der Bevölkerunge ja eher für Flächenversiegelung durch Carports oder für hinterländische Safe Spaces, in denen man ohne schief beäugt zu werden Unmengen an Billigwürstchen grillen und dabei rassistische Dinge sagen darf.

    Gut, dass das Heimatjuwel diesen Begriff etwas anders definiert: Nämlich Heimat durch Regionalität. Und Heimatschutz nicht im Sinne der amerikanischen Stasibehörde, sondern durch eine sehr grüne und sehr saisonale Küche.
    Dass beim Thema Heimat auch Tabouleh ihren Platz hat, kann man ja gerne als politischen Kommentar interpretieren.

    Im Heimatjuwel denkt man aber fast unweigerlich noch über ein ähnliches Thema wie Heimat und Regionalität nach: warum es eigentlich so selten ist, dass ein Fine-Dining-Restaurant mit Menüfolge mal nicht in einem der zwei, drei üblichen Stadtteile beheimatet ist.
    Warum alle immer nach St. Pauli schwirren und derartige Restaurants es in Wohnstadtteilen wie Eimsbüttel und Barmbek traditionell schwer haben.

    Das Gute ist manchmal ganz nah. Das hat die Küche des Heimatjuwel schon verstanden. Jetzt sind wir Gäste an der Reihe.

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    Ideal für: Weeknight Dinner, aber n bisschen besonders

    Text oder Restaurant gefallen? Dann gib mir Trinkgeld:

  • Cookies Cream

    Cookies Cream

    Der Pinsel der Erinnerung malt gülden. Nur was Juristisches angeht stimmt das nicht so ganz. Denn Justitia greift nämlich auf ihren Schreibtisch eher in eine andere Schublade und macht immer mal wieder vom Radiergummi der Erinnerung gebrauch. Hier ein bisschen rubbeln, da ein bisschen radieren, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt außer unbrauchbare Fetzen, die gedankenlos vom Tisch gefegt werden können. Verjährung, ist ja eigentlich eher was für Steuerhinterzieher. Allerdings hoffe ich dass mein Verstoß gegen die “no photos”-policy” des Cookies nach eineinhalb Jahren jetzt auch langsam verloren sein wird in der Zeit, wie Tränen im Regen. Und gleichzeitig kann man doch jetzt, wo ich eh auf throwbacks angewiesen bin, doch mal ein ganz interessantes Experiment starten: welche Schmierereien hinterlässt denn der sogenannte Pinsel überhaupt, so gute 18 Monate später? Einmal das ausgezeichnete Wassermelonensashimi, das von der Konsistenz wirklich sehr an Lachs erinnert hat. Dann der Hauptgang, bei dem mich leider das Gefühl nie los ließ, dass man mit der kubischen Aubergine versucht hat ein Stück Fleisch zu ersetzen. Und dann der grandiose Tomatentee, eine Art klare Tomatenbrühe. Da hat der Pinsel nicht nur golden gemalen, das wurde mir regelrecht ins Hirn eingraviert, so oft hab ich den Geschmack noch präsent. Das Cookies ist übrigens vegetarisch (oder vegan?) aber das ist die ganze Zeit ziemlich angenehm undogmatisch egal. Also sorry @cookiescreamberlin, dass ich euch so sneaky hintergangen hab. Justitia ist vielleicht blind, aber der Rest brauch halt Content für Insta.

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    Ideal für: hippes Berliner Hinterhof-Geheimtipp-Feeling beim Reingehen, Dinner mit Vegetariern und nicht-Vegetariern

  • Restaurant Klinker

    Restaurant Klinker

    Klinker ist nicht Terracotta. Es ist norddeutsche Klarheit gegen mediterrane Dekoration. Da nich für gegen dolce far niente. Dem Leben trotzen statt dem Leben frönen. Für Klinker muss man dem Ton 1300 Grad entgegenfeuern, damit sich die Poren glasgleich verschließen, viel mehr als jedem anderen Ziegel. Dann kann kommen was will, Nieselregen, Platzregen, Schneeregen, Regen von unten, Stürme und Sturmfluten. Es perlt ab. Klinker ist nicht immer schön, aber manchmal eben alternativlos. Klinker muss durch Sachen eben durch. Hoffentlich auch durch diese Sache mit dem Husten und den Aerosolen. Denn hinter jedem Wall aus Ton, wenn das, was abgewehrt werden muss, abgewehrt wurde, findet sich immer Wärme. In Menschen, in Gläsern, auf Tellern, im nordischen Spitzkohl genauso wie in mediterranen Sobrasada-Gnocchi.

    Möge dieses Haus noch stehen, wenn der Sturm vorbeigezogen ist.

    Ideal für: casual Fine Dining, Dates und kleine Freunderunden

  • Bistro 100 Maneiras

    Bistro 100 Maneiras

    I suck at surfing. I also suck at kitesurfing. I tried both, it’s not that i have the feeling i could never learn it, but i quickly realized it would take me a long, long time to master it up to that skill level that it would be finally fun. Well, I never had a deep desire for both sports, I didn’t have posters of Kelly Slater in my room, I never had long hair or a shark tooth necklace or ankle chains. So my disability to do both things is not soul-crushing, i just always wanted to have a sport that gives me a reason to travel to places. Fortunately for my self-entertainment and unfortunately for my waistline, the activity of eating took this place. And much like a good surfer, I don’t care for what “the man” says, about the standards some kind of society dictates me. I won’t follow a man-made, made-up invention like “the clock”, I only go with the (culinary) waves. Which sometimes means i’m eating ceviche for breakfast. Like in the Bistro 100 Maneiras. Well, thanks to the addition of orange, it was quite fruity, so you could say at that moment it was kind of a fishy fruit bowl, a somehow acceptable breakfast by the rules of society. Appropriate or not, it was fucking delicious, just like the equally inadequate dry aged sirloin with foie gras mushroom and a deep-fried egg. So if you’re in Portugal and are a fucking surf looser like me who can’t kickflip a-breaks or grind along the channel or however they call that stuff they’re doing out there, just hang loose in Bistro 100 Maneiras.

    Perfect for: fine dining, late “breakfast” (they open at 12:00)

  • Marta

    Marta

    Tomaten mit so nem Zeug drunter, so ne Art Mus, wie Hummus, aber irgendwie anders. Ein Eis ist auch dabei, aber kein Nachspeiseneis. Dann vermutlich ne Zucchini, auf jeden Fall ne Zucchini, einmal ein richtiger Brocken und dann einmal ganz dünn, mit so schwarzem Zeug drübergestreuselt. Krokant vermutlich, aus irgendwas was man auch noch durchschmeckt. Dann Saibling auf dem ein frittiertes Salatblatt liegt mit ner Hollandaise? Bernaise? Dazu ne Polenta, die aber nicht nach Polenta schmeckt und ne rote Limette, die man essen kann. Und n Zwetschgenküchlein mit Eis und … ist das das Mus vom Anfang? Ne, schmeckt anders.

    Man kann dem Marta nicht so richtig viel vorwerfen, aber vielleicht diese eine Sache: Das einem das (sehr sympathische) Personal beim servieren nicht so wirklich die Gerichte erklärt. Das wäre nicht so schlimm wenn Schnitzel mit Pommes aufgetischt werden würden, das bekommt man dann auch noch mit eigenen Augen und dem Synapsenhaufen, der einem zwischen den Ohren hängt, hin. Bei den durchaus raffinierten regionalen Gerichten die hier serviert werden fühlt man sich aber wenn man mit der Interpretation allein gelassen wird dann doch recht schnell wie in einem Escape Room. Irgendwann hat man dann herausgefunden, dass man das eine Buch aus dem Regal herausziehen muss, der Schlüssel unter dem Waschbecken klebt, der Hummus eigentlich ein Sonnenblumenkernenmus war, das Krokant aus Sesam und der Gärtner natürlich der Mörder. Am Ende freut man sich über ein außergewöhnliches Menü (auch wenn manche Gerichte vielleicht ein Element zu viel haben), die warme Atmosphäre des ganzen Ladens – und darüber, dass auf Weinen Etiketten kleben. Das macht es für uns alle einfacher.

    Ideal für: lockeres Fine Dining

  • Mauro Ricciardi Alla Locanda Dell’Angelo

    Mauro Ricciardi Alla Locanda Dell’Angelo

    Maybe there’s no such thing as the color blue. Maybe stones can sing. There’s no good evidence that what we perceive as the reality really is the reality. But there’s tons of evidence that our senses are playing tricks on us. The seashell that sounds like the crashing of waves. Or that glass of Limoncello that tastes great when you’re sitting on a terrace on the Amalfi coast, but somehow loses its magic when you’re enjoying it on a balcony in Hamburg-Stellingen. Or the fumes of a two-stroke scooter engine. Where others smell the sharp sting of gasoline, i smell a Vespa Primavera riding through the narrow streets of Firenze. And also my highly pubescent 16 year old self driving my Aprilia SR 50 on questionably picturesque country roads in the bavarian outskirts. Ahhh, freedom. There’s limits to this form of transcendence, though. For example when a lobster claw tastes like gasoline, which is what happened to us at Locanda Dell’Angelo. An unusual mistake in a one-starred michelin restaurant that casts its shadow over the whole visit. No memories of Vespas, but of the mutual weirdness that occured when we told the waiter and the response was “well, it was cooked with a gas grill”. The weirdness continued when the pasta of the next course was quite undercooked, but we didn’t want to start a cultural-culianric war with a discussion about where al-dente begins. Not as Germans in Italy. Fortunately it got better, the sea-bream was outstanding and the pork ribs just fell from the bone. As much as the one flammable substance ruined the evening, the other slightly flammable fluid kind of saved it: the wine pairing was astonishing, with interesting rarities and vintage red dreams. Well, if we can’t trust our senses, at least we numbed them in the best way possible.

    Perfect for: maybe the wine

  • Die gute Botschaft

    Die gute Botschaft

    Nur ein paar Wochen Lockdown und in Berlin treffen sich zigtausend Reichsbürger, Hippies, Verschwörungstheoretiker, Liegeradfahrer, Flat-Earther und sonstige Schwachmaten um Reichskriegsflaggen durch die Hauptstadt zu tragen, als würde eine alternate History-WM stattfinden. Ich will mir gar nicht vorstellen was gewesen wäre, wenn wir 7 Jahre lang nicht hätten rausdürfen. So lange saß nämlich Julian Assange in der Ecuadorianischen Botschaft in London fest. Ich weiß nicht was es da zum essen gab, aber ich würde “Die gute Botschaft” trotzdem blind der ecuadorianischen vorziehen. Allein schon weil das mit der “Fusion-Küche” hier irgendwie zu klappen scheint. Normalerweise bedeutet Fusion-Food ja meistens, dass das Restaurant nicht nur eine Küchenrichtung nicht beherrscht, sondern von zwei Landesküchen keine Ahnung hat. Hier hingegen gibts als Vorspeise eine Art dekonstruierten Schweinebraten, daneben japanische Karaage und später ein geschmortes Chuck Steak, das geschmacklich dank Sternanis und Zitronengras einen Umweg über Vietnam genommen hat. Wie selbstverständlichen neben Sushireis, einer halben Ente und lateinamerispanischen Saucen wie Mojo und Anchovy Chimichurri. Und das alles funktioniert hervorragend zusammen. Das kombiniert mit dem Blick auf die Alster, unzähligen Flaschen Wein, vielen Frotzeleien von Tim M. und der nächtlichen Plünderung des Zigarettenkellers des Hausherren hat dann zwar nicht zu einem 7-jährigen Aufenthalt geführt, aber immerhin zu einem 7-stündigen. 

    ideal für: ungezwungenes Fine Dining, Selfies mit dem Mälzer