Autor: Fabian Königer

  • Rohhäppchen

    Rohhäppchen

    Sandra hatte es nicht leicht. Allein schon weil sie nicht Sandra hieß. Denn Sandra war eigentlich Annabelle Valeria Shaniqua von Hohenzollern. Aber so glanzvoll ihr Name auch war, so eine Bürde war er auch. Vor allem auf Tinder. Anfangs waren die Boys ja noch angetan vom Glamour, von Ländereien und Jagdrevieren. Aber sobald sie ihnen erklären musste, dass ein “Family Office” kein Gästezimmer mit Schreibtisch ist und eine Centurion aus Amerika und nicht aus dem alten Rom kommt, ja spätestens dann war auch der letzte Jurastudent eingeschüchtert. Dabei wollte sie einfach nur einen ganz normalen Typen kennenlernen, einen der sie so mag wie sie ist. Und vor allem einen mit dem sie nicht näher verwandt ist. Die Operation ihrer Habsburger Lippe war schon aufwendig genug, das wollte sie ihren Kindern nicht auch noch antun. Also Sandra. Ihre neue Identität: Urlaub in Cesenatico statt Yacht vor Marbella. Studium in Bremerhaven statt Ludwigshafen. Sie kannte ihre neues Ich auswendig. Besonders jetzt, wo der süße Thorbjörn zum dritten Date kam. Er war zwar schon verwundert, warum sie Sushi bestellt hatte, aber glücklicherweise erfand sie noch schnell die Notlüge mit dem Geburtstagsgutschein. Alles lief gut. Sie schauten 3sat und unterhielten sich sogar über Themen wie Miete, Dispo und Monatsende, Dinge die sie sich in den letzten Tagen erst mit Wikipedia anlesen musste. Doch dann nahm sie ein Stück der California Roll mit Thunfischtatar, Miso-Majo und einem enorm großen Stück Trüffel in den Mund. Sie schloss die Augen, kaute genüsslich und dann entfuhr es laut nicht der Sandra, sondern der Annabelle Valeria ihn ihr: “Oh mein Gott, das schmeckt ja wie damals bei Oma!”

    Thorbjörn schaute leicht verstört, ließ sich aber erstmal nichts weiter anmerken. Doch so langsam verstand er warum ihre Hermes Pakete orange und nicht blau sind. Nach ein bisschen Heavy Petting verabschiedete er sich und begann den unausweichlichen Whatsapp-Ghosting-Prozess.

    Another one bites the dust. Sandra oder Annabelle Valeria nahm ihr iPhone Vertue Edition und machte weiter wie immer. Swipe right, swipe right …

    Ideal für: Sandra, Valeria, Thorbjörn und alle die gerne gutes California-Style Sushi mögen

  • ÖBB Nightjet

    ÖBB Nightjet

    Die Concorde war zu schnell. Oder sagen wir besser: sie war zu wenig entschleunigt. Denn es lag nicht nur am Unfall in Paris, dass der Überschalljet nicht mehr fliegt. Die Concorde, dieses grazile Meisterwerk der Technik, diese weiße, wunderschöne Nadel, die der Schwerkraft lachend davonflog hat gegen ihren dicken, gemütlichen Artgenossen verloren. Denn statt kurz und sehr teuer in den economy-class-artigen Concorde-Sitzen zu fliegen, entschieden sich immer mehr Menschen einfach über Nacht etwas länger in den teuren, aber deutlich günstigeren und vor allem wesentlich gemütlicheren Full-Flat-Sitzen der effizienteren Unterschalljets zu fliegen. 2003 wohlgemerkt. Da war die High Speed-Globalisierung schon im vollem Gange, während Businessjohnnys Klimawandel immer noch für ne Funktion in ihrem 7er BMW gehalten haben. Und das ist die schöne Nachricht: es ist tatsächlich möglich, als Gesellschaft gemütlicher zu werden. Und vielleicht ist es ja soweit dass wir bald mal wieder häufiger den Nachtzug nehmen. Eine Einzelkabine ist nämlich nicht nur in Coronazeiten ein Traum und trotz der eher funktionalen Innenarchitektur lässt es sich der Verstand nicht nehmen, einen Hauch Orient Express-Gefühl aufkommen zu lassen. Aber jetzt mal ernsthaft, das hier ist immer noch ein Foodblog und ich komm jetzt endlich mal zum Essen. Der Nightjet wird zum Glück von den Österreichern betrieben und die haben, die ein oder andere Großkantinenberghütte mal ausgenommen, dann doch meistens noch ein bisschen mehr Anspruch als wir Piefkes. So gab es eine absolut akzeptable Gulaschsuppe und danach Paprikahuhn mit Nockerln, das zwar natürlich nicht so gut war wie das von @mkm__at, das man mir aber in jedem stehenden Restaurant servieren könnte und ich wäre mehr als glücklich. Dazu mit Umathum einen Rotwein, den man sofort in eine ausgesuchte Weinhandlung stellen könnte.

    Concorde i love you, but i’ve chosen Paprikahendl.

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    Ideal für: Hamburg – München und zurück

  • Cookies Cream

    Cookies Cream

    Der Pinsel der Erinnerung malt gülden. Nur was Juristisches angeht stimmt das nicht so ganz. Denn Justitia greift nämlich auf ihren Schreibtisch eher in eine andere Schublade und macht immer mal wieder vom Radiergummi der Erinnerung gebrauch. Hier ein bisschen rubbeln, da ein bisschen radieren, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt außer unbrauchbare Fetzen, die gedankenlos vom Tisch gefegt werden können. Verjährung, ist ja eigentlich eher was für Steuerhinterzieher. Allerdings hoffe ich dass mein Verstoß gegen die “no photos”-policy” des Cookies nach eineinhalb Jahren jetzt auch langsam verloren sein wird in der Zeit, wie Tränen im Regen. Und gleichzeitig kann man doch jetzt, wo ich eh auf throwbacks angewiesen bin, doch mal ein ganz interessantes Experiment starten: welche Schmierereien hinterlässt denn der sogenannte Pinsel überhaupt, so gute 18 Monate später? Einmal das ausgezeichnete Wassermelonensashimi, das von der Konsistenz wirklich sehr an Lachs erinnert hat. Dann der Hauptgang, bei dem mich leider das Gefühl nie los ließ, dass man mit der kubischen Aubergine versucht hat ein Stück Fleisch zu ersetzen. Und dann der grandiose Tomatentee, eine Art klare Tomatenbrühe. Da hat der Pinsel nicht nur golden gemalen, das wurde mir regelrecht ins Hirn eingraviert, so oft hab ich den Geschmack noch präsent. Das Cookies ist übrigens vegetarisch (oder vegan?) aber das ist die ganze Zeit ziemlich angenehm undogmatisch egal. Also sorry @cookiescreamberlin, dass ich euch so sneaky hintergangen hab. Justitia ist vielleicht blind, aber der Rest brauch halt Content für Insta.

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    Ideal für: hippes Berliner Hinterhof-Geheimtipp-Feeling beim Reingehen, Dinner mit Vegetariern und nicht-Vegetariern

  • Dokuwa

    Dokuwa

    Du! Ja, genau du! Jetzt hör mal kurz zu. Das wird jetzt n bisschen direkt und eventuell etwas schockierend, aber irgendjemand muss es ja mal sagen: soooo wichtig bist du jetzt auch nicht. Jaja, der Kunde ist König dies das. Aber Kunden sind halt auch oft echt saunervig. Wollen ein lauwarmes Wasser ohne Sprudel an dem sie dann zwei Stunden nippen, nehmen nen dreckigen Hund mit rein, hängen den Mantel über den Stuhl sodass die Bedienung ständig drüber fällt. Dann schreiben sie ganze Hasstiradenromane auf Yelp oder Google Maps wenn die Creme Brulée angebrannt war oder das Salz zu trocken. Ja Jens, wir wissen dass du null Sterne vergeben würdest wenn es auf dieser Bewertungsplattform gehen würde, verschone uns bitte mit deinem Rumgeboomere. Und wenn sie dann was da lassen, dann auch eher Viren und Bakterien als angemessenes Trinkgeld. Daher: Vielleicht ist das ja ganz schlau vom Dokuwa, gerade jetzt, dass sie nur einen sehr kleinen Gastraum haben. Hol dir einen ausgezeichneten Kaffee, eine Bentobox und dann schleich di! Die Bentoboxen gibt es jeden Tag in zwei unterschiedliche Variationen, eine mit und eine ohne Fleisch und sie sind nicht nur außerordentlich lecker sondern eh das perfekte Abhol- und Mitnehmessen. Also Kunde, wenn du König sein willst dann sitze nicht bräsig auf Stühlen, die keine Throne sind, sondern nimm dir was mit und flaniere. Standesgemäß. Und immer mal wieder dem Volk winken.

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    Ideal für: Mittagspause

  • MKM(AT)

    MKM(AT)

    Es war wie die Reise nach Jerusalem. Nur nicht mit Stühlen, sondern mit Lebenssituationen. Nur noch zwei Haushalte. Ein anderer und eben der eigene. Und zwar so wie er in dem Moment auch war. Konnte ja auch keiner so richtig ahnen. Jetzt sitzt man halt da, mit seinem Haushalt und muss ihn so nehmen wie er ist. Mit all den Ärgernissen und all den Defiziten, die er halt so mit sich bringt. Mit dem schlechten Lichteinfall ab Nachmittag, den nervigen Nachbarn darunter, dem Herd, der nicht mehr so richtig genau funktioniert. Und vor allem mit den Personen, die so ein Haushalt eben mit sich bringt. Und die meist so viel können was man gerade gar nicht gebrauchen kann (Businesspläne für Eco-Startups schreiben oder Salesfunnels für Volumenshampoos erstellen) und so wenig von dem was gerade wichtig wäre (kochen, backen, nähen). Das ist die eigentlich Ungerechtigkeit dieser ganzen Situation: Das manche einfach nen exorbitant besseren Haushalt als andere haben. Nicht alle haben zum Beispiel Michi zuhause. Aber es gibt eine gute Nachricht: Michi kocht mehr (MKM, das AT steht für Arbeitstitel). Und zwar um die 10 Portionen, die er selbst bei den Bestellern vorbeibringt. Bouillabaise, Shakhshuka, Milchkalbsbackerl, Entenleberpastete. Und das ist das Schöne: obwohl einem Essen gebracht wird, fühlt es sich nicht an wie ein Lieferdienst. Weil die Gerichte erst gar nicht versuchen, einen Massengeschmack zu treffen. Weil es sich eher so anfühlt, wie als wäre man in einem Fight-Club für Essen. Oder wie als würde ein Freund für einen kochen. Oder wie als würde man sich für einen Abend einen Haushalt ausleihen, der einfach viel mehr kann als der eigene.

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    Ideal für: alle, die es vermissen, im Restaurant das etwas ungewöhnlichere Gericht zu nehmen

  • Mexiko Straße To Go

    Mexiko Straße To Go

    Die Welt ist keine Kugel. Die Welt ist eine Scheibe. Eine weiche, warme Scheibe aus Maismehl die in regelmäßigen Abständen von einer galaktischen Schildkröte in der Mitte zusammengefaltet wird. Was wir als Berge wahrnehmen, ist in Wirklichkeit eine riesige Menge geschmortes Rindfleisch, das von den Illuminaten als Opfergabe in der Mitte der Scheibe dargereicht wird. Chemtrail-Flugzeuge der Schattenregierung streuen Chicharronpulver über das Ganze und die Echsenmenschen treiben uns mit Zweibelwürfeln Tränen in die Augen, die sie dann heimlich Abzapfen können um ihre Raumstation auf der dunklen Seite des Mondes zu betreiben. Die Welt ist ein Taco! Wacht endlich auf!!!!!!!

    Ideal für: Alle, vom Schlafschaf bis zum Verschwörungstheoretiker

  • Ume no Hana

    Ume no Hana

    Was haben Schuhe und Schlüssel eigentlich gemeinsam? Hat man früher einfach Türen mit dem Fuß aufgetreten und durch viele Innovationen und konstante Weiterentwicklung hat sich daraus der praktischere Türöffner “Schlüssel” entwickelt? Oder wurden frühe Schlüssel einfach auch aus Leder hergestellt, bis einem klar wurde, dass man damit nicht das Auto des untreuen Ehemanns zerkratzen kann? Irgendeinen triftigen Grund muss es doch geben, warum Schlüsseldienste und Schuhereparaturen immer von denselben Läden angeboten werden. Und vor allem: warum das ein Erfolgsmodell zu sein scheint. Man weiß ja aus der Gastro zur Genüge: Wenn jemand zwei oder mehr komplett unterschiedliche Dinge anbietet, wirds selten geil. Und selbst wenn die beiden Dinge gar nicht mal so weit auseinanderliegen (naja, 3800 km), am Ende sind vietnamesische Pho und japanische Ramen ja beides Nudelsuppen. Und was sie auch gemeinsam haben: im Ume no Hama sind beide so okay. Ähnlich wie die Vorspeisen. Kann man machen, muss man aber nicht. Haut keinen um, genauso wenig wie keinen mehr die komplett absurde Kombination von Schuh- und Schlüsseldienst umhaut.

    Ideal für: Paare und Gruppen die sich nicht zwischen Ramenbar und Vietnamese entscheiden können

  • Saint Pablo’s

    Saint Pablo’s

    Ich möchte ein goldenes iPhone in einer Hülle aus Hirschleder. Ich möchte Sekt auf Eis und das Eis ist aus Champagner. Ich möchte mit einem Jetski im Handgepäck auf die Seychellen fliegen. Ich möchte eine Rolex mit Diamanten und in jedem Diamanten steckt eine Miniatur-Rolex. Ich möchte Donald Trumps Trump-Tower-Appartement nur um da die Klamotten für den Flohmarkt abzustellen. Ich möchte dass Coldplay live Fahrstuhlmusik für mich spielt, wenn ich in einer Telefonwarteschleife stecke. Ich möchte mit Perrier duschen und mir mit Courvoisier die Hände desinfizieren. Ich möchte eine G-Klasse Landaulet, in der der Zigarettenanzünder mit einem eigenen AMG V8 betrieben wird. Ich möchte jemanden, der für mich Zigarren raucht. Und ich möchte meine Tacos weiterhin so geisteskrank üppig vollgestopft wie bei Saint Pablo’s, zusammen mit einer komplett überdesignten Dose Bier.

    Opulenz ist ein menschliches Grundrecht.

    Ideal für: schnelles Abendessen, schönes Wetter

  • Dim Sum Haus

    Dim Sum Haus

    TSCHINA! TSCHEINA! TSCHAINA!!!! Wie froh kann man eigentlich, sein dass der orange Agitator bald nicht mehr den roten Knopf in der Hand und die große Fresse hinter dem präsidialen Rednerpult hat? Und das asiatische Land für alles und vor allem die eigene Inkompetenz blamen kann? Dann denkt man bei “chinesich” vielleicht auch endlich mal wieder ans Essen. In den 90ern war “der Chinese” ja der Inbegriff der Exotik, was mich aber als leicht übergewichtigen Teen trotzdem nie dazu inspiriert hat, mal was anderes als “Schweinefleisch süß-sauer” zu bestellen. Dass da noch n bisschen mehr geht bekommt man aber gar nicht mehr so leicht mit, da ja inzwischen jedes China-Restaurant gefühlt einem Thai, Vietnamesen oder Koreaner weichen musste. Nur das Dim Sum Haus trotz seit fünf Jahrzehnten diesem Trend. Und zwar mit voller Wucht. Das Interieur hat eine so wunderbare chinesische Trutschigkeit, dass es fast schon an Stereotypie grenzt. Sieben Präsidentenamtszeiten hält man aber nicht nur mit ein paar Ming-Vasen und Wandlaternen durch: die Dim Sums aus der reichhaltigen Karte sind wirklich großartig, man sollte viele bestellen und unbedingt auf die Tipps der Kellner hören. Trotzdem aber bitte noch etwas Platz lassen für die Peking-Ente. Die ist alles andere als eine “lame duck”, sodass um die knusprige Haut des Geflügels schon bald bilaterale, diplomatische Krisen an beiden Enden des Tisches entstehen. Die Ente und die Dim Sums gibt’s gerade jetzt im November übrigens auch für Zuhause. Das ist insofern vorteilhaft, weil man eine Peking-Ente quasi unmöglich selbst zuhause hinbekommt und man sich gleichzeitig nicht mit dem etwas ungeschickten Empfangspersonal des Dim Sum Hauses rumärgern muss. Naja, die letzten 4 Jahre haben eben dann doch zu einer gewissen Sittenverrohung beigetragen.

    Ideal für: 90er Nostalgie, viel Hunger (man möchte einfach möglichst viele Dim Sums probieren), Gruppen (dann bekommt man den Tisch mit der Drehplatte)

  • Kokomo Noodle Club

    Kokomo Noodle Club

    Dieser Körper ist ein Gefängnis. Meine Artgenossen springen von Sims zu Sims, liefen über heiße Blechdächer und tanzten über die Bühnen der Musicaltheater. Aber ich bin hier, in die Unbeweglichkeit verdammt. Die Augen starr geradeaus, die Hinterläufe mit dem Unterkörper vollends verschmolzen, den rechten Arm wie angeklebt angelegt. Nur die linke Pfote, diese verfluchte linke Pfote ist das letzte Zeichen meiner Lebendigkeit. Ein letzter Rest Würde, ein letzter Rest Bewegung. Der letzte Weg um mich der Welt mitzuteilen. Und dann ist alles, was ich machen kann: auf und ab, auf und ab, auf und ab, auf und ab, auf und ab. Winke, winke. Bye, bye, bye, bye. Machts gut, machts gut, machts gut. Das Universum ließ mir nicht mal mehr ein Wort, nur noch ein Geste, eine einzige unmissverständliche Geste, eine einfache Botschaft, die ich den Anderen mitgeben kann und sie lautet: geht!

    Nur eine halbe Drehung würde reichen und ich könnte sie heranwinken, könnte sagen: “Kommt her, leistet mir Gesellschaft. Tretet ein, labt euch. Erlebt die Freuden die mir nicht mehr zugestanden werden. Esst die hervorragenden Gyozas, das knusprig-sabschige Korean Fried Chicken, die Ramen mit wunderbaren Biss. Trinkt, esst, streitet, küsst, tanzt, schlagt euch!” Nur eine kleine Drehung der Pfote, und die Welt würde mich endlich verstehen.

    Wieviel Leben haben Winkekatzen, und wann ist dieses endlich vorbei?

    Ideal für: Weeknight Dinner

  • Reep

    Reep

    Man hat’s hier nicht leicht als Genuss. Nur eine Straßenecke weiter säuseln die Dienstleisterinnen in Moonboots ein hauchzartes “Na Kleiner, heute Nacht schon was vor?” in dein Ohr um einen zum Koitus zu verleiten. Oder zumindest zur Abhebung am nächsten Geldautomaten. Dazwischen Bars, die einem anbieten, die Sinne mit allem zu betäuben, was die Menschheit so an Brau- und Brannterzeugnissen bisher hervorgebracht hat, von der Wodkabombe bis zum Herrengedeck. Man kann sich der Ekstase des Tanzes hingeben, oder das was man zu diesem Zeitpunkt noch für Tanz hält. Und möchte man mit seinen Sinnen die Pfade des Legalen verlassen, wird einem auch die nahe Davidswache davon kaum abhalten können. Für den Geschmackssinn war die Reeperbahn bisher allerdings eher ein unbefriedigendes Gebiet, zumindest nüchtern. Das Reep, etwas versteckt im Schmidts Tivoli und explizit nicht als reines Theaterrestaurant gegründet, schickt sich an daran etwas zu ändern. Und es scheint ihnen zu gelingen. Ein paar bodenständige Originale wie Labskaus und Roulade sind sehr lecker, könnten aber gerne noch die Prise Besonderheit vertragen, die zum Beispiel die Vorspeise “Angler Sattelschwein” mit dreierlei Schwein – als Pulled Pork-Krokette, als gebackene Stippe und als gebeiztes Carpaccio – hat. Die Portionen könnten gerne ein bisschen kleiner sein und die Nachspeise ein bisschen weniger süß, aber ein bisschen drüber passt ja dann am Ende auch gut zur Reeperbahn. Gerade in einer Zeit, in der die sinnliche Ekstase fast allumfassend eingeschränkt werden muss.

    Ideal für: Besuch von außerhalb, Hamburger Klassiker

  • Restaurant Klinker

    Restaurant Klinker

    Klinker ist nicht Terracotta. Es ist norddeutsche Klarheit gegen mediterrane Dekoration. Da nich für gegen dolce far niente. Dem Leben trotzen statt dem Leben frönen. Für Klinker muss man dem Ton 1300 Grad entgegenfeuern, damit sich die Poren glasgleich verschließen, viel mehr als jedem anderen Ziegel. Dann kann kommen was will, Nieselregen, Platzregen, Schneeregen, Regen von unten, Stürme und Sturmfluten. Es perlt ab. Klinker ist nicht immer schön, aber manchmal eben alternativlos. Klinker muss durch Sachen eben durch. Hoffentlich auch durch diese Sache mit dem Husten und den Aerosolen. Denn hinter jedem Wall aus Ton, wenn das, was abgewehrt werden muss, abgewehrt wurde, findet sich immer Wärme. In Menschen, in Gläsern, auf Tellern, im nordischen Spitzkohl genauso wie in mediterranen Sobrasada-Gnocchi.

    Möge dieses Haus noch stehen, wenn der Sturm vorbeigezogen ist.

    Ideal für: casual Fine Dining, Dates und kleine Freunderunden

  • Tōrnqvist

    Tōrnqvist

    Dieser Beitrag ist eigentlich komplett sinnlos, denn das tōrnqvist gibt es seit heute nicht mehr. Und obwohl die Schlange am letzten Tag so lang war, dass selbst die Polizei mal vorbeischauen musste, wird die Schließung vermutlich nicht alle stören. Denn ein bisschen als Hipsterladen war es natürlich schon verschrien: Nur 3 Arten der Zubereitung, kein Zucker, das minimalistisch-kubistische Interior, das nur zu gerne als Hintergrund von irgendwelchen Influencerinnnen genutzt wurde – es hätte durchaus alles auch aus einem Conan O’Brien Sketch über Gentrifizierung stammen können. Persönlich gings mir mit dem Tōrnqvist ähnlich wie mit dem Ændrè – ich fand den Dogmatismus um das Thema Kaffee irgendwie unfreiwillig komisch. Aber der Zweck heiligt auch hier die Mittel. Flat White fand ich zwar immer nur so mittel, ich finde der Kaffee hier eignet sich nicht für Milch. Aber Handbrew, Shot, alles was quasi Kaffee pur war, war immer auf einem anderen Level. Weil man hier eben nichts verstecken konnte und sich die nerdige Detailversessenheit dieses Ladens ausgezahlt hat. Und ob man Fan war oder nicht: es ist immer scheiße, wenn ein Laden schließt, der sich mehr Mühe und mehr Gedanken über das, was er den Leuten verkauft, gemacht hat.

    Hoffentlich hat Trude Herr recht: Niemals geht man so ganz.