Autor: Fabian Königer

  • Bodega Lima

    Bodega Lima

    Dass sich die meisten Menschen sehr bewusst sind, dass der Klimawandel ein bedrohliches Problem ist, zeigt ein Blick auf die Rangliste der beliebtesten Namen für männliche Neugeborene. Ich glaube nämlich kaum, dass man bei der Wahl des Namens “Noah” nur an den Sohn von Boris Becker gedacht hat, sondern eher die leise Hoffnung trägt, dass wenn der Bub schon nicht die kalte Fusion oder ein Verfahren zur energiearmen Herstellung von e-fuels erfinden wird, dass er doch zumindest zum passablen Archenzimmerer gedeiht, sollte wirklich der ganze Rest schieflaufen.

    Neben so ner Holzkiste mit Zoo würde ich ja für steigende Meeresspiegel auch einfach Peru in Betracht ziehen. Die haben einerseits ein paar Sechstausender und wissen andererseits recht gut, was man mit mehr Meer so anstellen kann. Ceviche zum Beispiel. Wenn das zu weit ist, dann geht auch die Bodega Lima. Hier fällt schon mal positiv auf, dass was hier Ceviche heißt auch Ceviche ist, während die restliche Gastronomielandschaft inzwischen wirklich jede Art von kalten Fisch so bezeichnet (RIP Sashimi). Klassisch gehalten überzeugt es nicht nur, weil man inzwischen fast nur noch sehr kreative Interpretationen des peruanischen Nationalgerichts bekommt und wird eigentlich nur vom sensationell knusprigen und weichen Chicharron (Schweinebauch) getoppt.

    “Zwei von jeder Art” kann daher sowohl ein herrgöttlicher Befehl an Noah sein als auch meine Bestellung nach einem Blick auf die Gänge in der Bodega Lima.

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    Ideal für: endlich mal wieder Ceviche wie früher

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  • Jing Jing

    Jing Jing

    Also jetzt nach 3 Jahren und über 170 Restaurantbesuchen kann man ja auch wirklich mal die kritische Frage stellen: Was weiß denn ich? Denn wie jeder gute Kreative überfällt auch mich in regelmäßigen Abständen dieses familiäre Gefühl, dass ich doch eigentlich gar keine Ahnung von dem Ganzen habe und bald jemand kommt und mich auffliegen lässt. “Wo ist denn eigentlich ihr Gastronomie-Abschluss? Ihr staatlich geprüfter Kritiker-Meisterbrief? Oder zumindest ihr Jodeldiplom? Sie können das hier doch gar nicht, Sie dürfen das hier doch gar nicht. Legen Sie die Schachtelsätze weg und nehmen Sie die Hände auf den Rücken!” Wenn ich jetzt zum Beispiel sage, dass das Massaman Curry im Jing Jing etwas zu süß war, woher will ich das bitte wissen? Hab ich jemals ein richtiges Massaman gegessen? War das, was ich bisher als Massman hatte, wirklich Massaman Curry? Ich bin ja kein thailändischer König, auch wenn ich viel Zeit meines Lebens schlecht benehmend in Bayern verbracht habe. Und vor allem: wenn alle anderen Gerichte, das cremige Larb-Tatar, der erfrischend saure Schweinefleisch-Salat, das bombastisch gewürzte Pad Krapao Gai, wenn die alle so unfassbar intensiv sind wie eine nächtliche TukTuk-Fahrt nach 13 Chang Bieren – dann muss ich sagen: vielleicht muss Massaman ja genau so sein. Und vielleicht hatte Jumbo Schreiner recht: ich kann das alles in Wirklichkeit gar nicht. 

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    Ideal für: Start ins Wochenende

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  • Kkokki loves vegan

    Kkokki loves vegan

    Kkokki loves vegan. Na das ist ja schön für Kkokki aber was ist mit mir? Und allen anderen? Man hat ja wohl kaum so einen riesigen Laden gebaut, damit Kkokki glücklich ist. “Ja hallo liebe Sparkasse, ich brauche einen Kredit für ein koreanisches Restaurant, Zielgruppe ist eine Person, vielleicht noch ein bisschen Laufkundschaft, zahle dann auch in 200 Jahren zurück.”  Oder braucht man heutzutage eine erklärende Unterzeile? Kkokki loves vegan, XO mag Fisch, Vienna schön eng, Nikkei Nine vielleicht triffst du Sylvie Meis. “Loves vegan“, das ist ja eigentlich, wenn man nachdenkt, grundsätzlich schon mal quatsch, genauso wie “ich esse gerne asiatisch”. Wer sagt denn, dass was gut ist, nur weil es vegan ist? (Oder asiatisch?) Ich hab mal bei einem Konzert Backstage eine fürchterlich geschmacklose Pasta gegessen, liebt Kkokki die jetzt auch, weil sie vegan war? Ich zweifle daran. Also Kkokki, wer bist du? Was magst du? Warum die vielen Ks? Ist die Liebe zum Veganismus eine dieser Hollywoodlieben, geprägt von Glücksmomenten wie von Erschütterungen oder ist sie eher zu vergleichen mit der relativ unimpulsiven Liebe zu einem Haustier? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins, oder vermute es zumindest: Kkokki loves Korean Fried Chicken. Aber Kkokki loves eben auch Chicken, und zwar so sehr dass sie möchte dass diese noch weiter leben. Das vegane Korean Fried Chicken hier schafft diesen vermeintlichen Spagat tatsächlich ziemlich gut, aus Tofu noch ein wenig mehr als aus Blumenkohl. Die Hühnchenkonsistenz überzeugt allerdings noch etwas mehr als der Hühnchengeschmack. Trotzdem eine ziemlich gute Alternative zu “echtem” Fried Chicken, vor allem wenn man bedenkt dass vermutlich 99,9% aller Fried Chicken aus Fleisch aus der Haltungsform “Vorhölle” besteht. Von daher: Guide Pelzenstein likes Kkokki. Auch wenn sie sich ein bisschen mehr Zeit beim servieren lassen könnten. Aber wer weiß, vielleicht war ja Kkokki schon unterwegs und hat den Platz gebraucht.

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    Ideal für: Fried Chicken Bisse ohne Gewissensbisse

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  • Batu Noodle Society

    Batu Noodle Society

    Erdbeeren sind ja keine Beeren, sondern zählen botanisch zu den Nüssen. Nüsse sind oft keine Nüsse, sondern auch gerne irgendwas anderes. Erdnüsse zum Beispiel sind eigentlich Hülsenfrüchte. Bohnen sind Hülsenfrüchte, aber weder die Kaffe- noch die Kakaobohne sind wiederum Bohnen, dafür aber Früchte. Bananen und Tomaten sind Früchte, aber auch Beeren. Der Biber wurde im Mittelalter mal zwischenzeitlich zum Fisch erklärt, das lag aber eher an hungrigen Mönchen in der Fastenzeit als an übergenauen Naturforschern. (Verglichen mit anderen Dingen, die die katholische Kirche im Mittelalter so umerklärt hat auch mit durchaus harmlosen Konsequenzen). Ach ja, Pfeffer ist übrigens eine Frucht, der Szechuanpfeffer ist zwar auch eine Frucht aber kein Pfeffer. Der Mensch macht sichs halt einfach, aber nicht alles was scharf ist ist Pfeffer, Messer oder Wirtschaftssanktionen mal als Beispiel genannt. Dafür dass Szechuanpfeffer kein Pfeffer ist, ist er wenigstens ein Trend. Kein Wunder, in eine Zeit, in der man besagte Zeit gerne auch einfach mal übersprungen hätte und nicht selten so manches Säugetier um seinen Winterschlaf beneidet hat, passt ja auch ein betäubendes Gewürz wie Faust auf Zunge.

    Dass es in den Gerichten im batu sehr viel davon gibt, ist somit erstmal very contemporary und auch sehr lecker. Gut wäre nur wenn man der vielen betäubenden Schärfe noch etwas mehr Nudeln beigeben würde. Und Apropos taub: die location, der ehemalige 13. Stock, der vorher schon das Kapara beheimatet hat, ist für mich immer noch eigentlich ein Club und kein Restaurant. Trotz des guten Ausblicks immer etwas zu laut. Aber vielleicht hatte ich auch nur Szechuan in den Ohren.

    Ideal für: sich taube futtern

  • Salt & Silver am Meer

    Salt & Silver am Meer

    Corona hat für die Digitalisierung gesorgt. Putin sorgt für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ich schätze mal, dass ein Kometeneinschlag für die Gleichberechtigung der Frauen sorgen wird. Aber fragt mich nicht wie, ich weiß es nicht, ich weiß nur eins: wir leben nicht gerade im Zeitalter der einfachen Kausalitäten. Der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas kann dafür sorgen dass hier irgendein Ingo Sonnenblumenöl in seinen Tank kippt. Nichts ist mehr einfach, nichts ergibt mehr auf den ersten Blick Sinn. Außer das hier: Salt and Silver am Meer. Jetzt erst merkt man, wie falsch sich die ganze restliche “Draußen nur Kännchen”-Gastronomie an der Nordsee anfühlt, jetzt erst merkt man, dass die Elbe nur ein mariner Zwischenschritt zur echten Meeresküste war. Leben werden vorwärts gelebt, aber rückwärts erzählt und das gilt wohl auch für das Leben einer gastronomischen Idee. Und auch wenn man sich sicher sein kann dass das nicht das letzte Venture von Salt and Silver ist, hat hier in Sankt Peter-Ording ein Konzept zu sich selbst gefunden. Strand aus Sand statt Palmen aus Plastik. Und dazu Zutaten aus der Region, auf einem riesigen Lavagrill zubereitet, eine Weinkarte, bei der man sich streitet wer zurückfahren muss aber vor allem: Seafood. Salz in der Nase, Salz auf der Haut, Salz auf der Zunge. Manche Dinge versteht man sofort.

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    Ideal für: Tagesausflug oder doch für immer da bleiben

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  • Kim’s Kitchen

    Kim’s Kitchen

    Designermöbel sind ein Scam. Niemand fühlt sich wirklich wohl zwischen ihnen. Man stellt sie sich in die Wohnung, weil man gerne der Mensch wäre, der sich in so einem Vitra-Museum zu Hause fühlt, eine Art Design Möbel-Über-Ich. Der vollkommene Wohnmensch, Archetyp-Architectural Digest, dessen einzige Unvollkommenheit das bewusst leicht schief liegende Coffee Table Book ist. Geht mal in Kim’s Kitchen und stellt euch vor, hier würde alles voller USM Haller und Eames stehen. Keiner würde sagen: “Toll, hier fühlt es sich ja an wie als würde man bei Kim im Wohnzimmer sitzen.” So aber, mit den zusammengewürfelten Bänken und Tischen, den überall verstreuten Sitzkissen in Musterkombis über die glücklicherweise nie ein Interior-Designer nachgedacht hat, mit all den Krimskrams, den Leuchtreklamen und Girlanden und nicht zuletzt dank Kim fühlt man sich hier nicht wie in einem Imbiss oder Restaurant, sondern wie in einer kleinen, privaten Einzimmerwohnung. Kim kocht laotisch, und während es nur ein paar Meter entfernt dampft und zischt, unterhält sie sich mit den Gästen und erzählt, dass es keinen Favoriten auf der Karte gibt, sondern dass alle ihre Gerichte ihre Lieblingsgerichte sind. Na gut, wenn sie das nicht machen möchte, mache ich das eben. Die Vorspeise, Reisnudeln mit gehackten Lachs und einer tiefen Sauce aus Kokosmilch konnte schon sehr überzeugen, genauso wie die in der Pfanne geschwenkten Weizennudeln. Der wahre Knaller aber war das Larb, das laotische Nationalgericht (das manche schon mal als Laab beim Thai hatten). Ein lauwarmer Salat aus Rindfleisch (in Scheiben statt wie beim Thai oft als Hack), drei verschiedenen Arten von Zwiebeln, Galgant, Zitronengras, Kräuter, zwei Arten Chilis, Limette und Fischsauce ergeben eine Umami-Scharf-Salzig-Würzig-Sauer Aromenbombe, bei der alle Geschmacksknospen aus dem Winterschlaf gerissen werden, als wäre im Körper Notfallsirenentesttag. 

    Ich werde bestimmt wiederkommen. Weil ich mindestens die anderen vier Larb probieren möchte, weil ich die herzliche Atmosphäre in Kims Wohnzimmer so mochte – und wegen des unschlagbaren Angebots mit den Plastikuhren im Schaufenster, jede für nur 7 Euro!

    Ideal für: Private Dining Feeling

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  • Trattoria da Leandro 

    Trattoria da Leandro 

    Ich muss hier mal die AfD loben. Aber nur für eine kleine Sache. Den grundsätzlich ist das natürlich ein Drecksverein mit verachtenswerten Menschen. Aber der neue Claim, “Deutschland. Aber normal.”, der ist rein kommunikativ schon gut. Weil er ziemlich gut die mehr als fragwürdigen Wünsche der Kernwählerschaft relativiert. “Ich will ja nur ein normales Deutschland zurück.” klingt halt viel besser als “Ich will ein Deutschland zurück, in dem ich aufgrund meines Geschlechts oder meiner Herkunft Vorteile genossen habe.” Weil normal geht immer, gerade in Almania. Haben wir früher noch Glam-Rocker bewundert, die in goldenen Privatjets geflogen sind und teure Fernseher aus noch teureren Hotelzimmern geworfen haben, einfach nur so, fürs Gefühl, müssen jetzt Stars immer ganz normal sein. Wir wollen auf Instagram lieber Sarah Lombardi in ihrer Reihenhaushälftenhölle Apfelkuchen backen sehen als Nikki Sixx auf einem Jet-Ski beim Crack-Schnupfen zuzuschauen. “Stars – they’re just like us.” –  ja leider! Aber klar: Exzesse brauchen auch Normalität, sonst würde man sie ja gar nicht mehr erkennen. Wenn es jeden Tag Kaviar gibt, sind das irgendwann auch einfach nur Fischeier. 

    Also Trattoria da Leandro. Ein ganz normales Restaurant? Ja und nein. Hier gibt es zum Beispiel sehr, sehr gute selbstgemachte gefüllte Pasta. Am besten sind die allerdings, wenn sie nicht von einer sehr scharfen Sauce komplett überspielt werden. Aber vor allem ist Trattoria da Leandro ein solider Italiener, in dem man sich zwei Peroni und ein Hauptgericht reinpfeift und mit 25 Euro raus geht. Und ab und zu brauch ich so was. Im Gegensatz zu rechten Parteien im Bundestag.

    Ideal für: nach dem Baden noch zum Italiener

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  • Rainer Schneider

    Rainer Schneider

    Wenn man eine Gesellschaft lange genug betrachtet, ist eigentlich gar nicht so viel in Stein gemeißelt wie man denkt. Es war noch bis in die 60er eigentlich undenkbar, als Mann keinen Hut zu tragen. JFK war der erste Präsident, der bei seiner Amtseinführung darauf verzichtete. Und das war erst der erste seiner Skandale, der mit fehlender Kleidung zu tun hatte. Und irgendwie dachte ich mir, dass in einem der vielen Lockdowns irgendeine gesellschaftliche Errungenschaft schon auf der Strecke bleiben wird. Ich tippte ja auf Frisuren, dass das einfach vorbei ist. Dass wir als menschliches Kollektiv irgendwie gemerkt haben “geht auch ohne, lassen wir ab jetzt einfach”. Frisur würde man dann nur noch auf Verkleidungspartys tragen oder im Rahmen kurzweiliger Modetrends. Wenn es die denn überhaupt noch geben würde, denn auf Hosen und Schuhe hätte ich auch nicht gewettet, dass die das überstehen. Wozu auch? Der postindustrialisierte Mensch braucht seinen Körper größtenteils eh nicht, wir sind ja keine Jäger und Sammler mehr. Warum nicht gleich alles unterhalb der Videocall-Linie vergessen, sieht ja keiner. Man tätowiert sich ja auch nicht die Innenseite der Backe. Kam dann aber doch anders. Wir sind wieder draußen und können somit nicht mehr bestimmen, aus welcher Perspektive man uns sieht. Jetzt muss man sich wieder 360-Grad um den ganzen Zellhaufen kümmern, den man da so in der Öffentlichkeit Gassi führt. Das Gute: wenn man schon sehen und gesehen werden muss, ganz ohne die Möglichkeit die Kamera auszuschalten, gibts dazu wenigstens einen richtig guten neuen, sehr realen Ort. Im und vor allem um das Rainer Schneider gibt es so viel Außenfläche, dass Ordungsamtsmitarbeiter regelmäßig davon Albträume bekommen. Und dazu gibt es sehr moderne, hanseatische aber eben auch gleichzeitig internationale Gerichte. Und vor allem ordentlichen Wein und Drinks, die die Ecke zu einem der Rumhängspots des Sommers 2021 machen. Wo man dann rumsitzt, mit seiner Frisur, seinem Unterkörper, seiner Hose und seinen Schuhen. Ohne das jemand den Mikrofon- oder Kamera-aus-Knopf drücken kann. Herrlich!

    Ideal für: Trinken, essen, sitzen, schauen

  • XO Seafoodbar

    XO Seafoodbar

    Besonders dämlich finde ich es ja immer wenn man Städte durch den Vergleich mit anderen Städten beschreibt. Vor allem weil die Umkehrung nie funktioniert. Niemand würde Paris als “das Bukarest des Westens” bezeichnen. Wenn man “Elbflorenz” weiter spinnt, müsste man Firenze als “Arnodresden” bezeichnen. Und höchst selten liest man von New York als “Hudsonfurt”, während “Mainhattan” in jeder hessischen Stadtmarketingbroschüre steht. Und wenn sich Vilnius als das “Jerusalem des Nordens bezeichnen” weiß ich eh gar nicht mehr was ich fühlen soll. Nicht nur der Mensch, auch Städte tanzen einen Flamenco zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, in dem man mal ganz eng, mal ganz fern voneinander ist und auch immer mal wieder stolpert. Getrieben von dem Wunsch, sich etwas mehr Flair zu verleihen als es einem bisher zugestanden wird. Im XO klappt das seit letztem Jahr allerdings ziemlich gut. Recht viel mehr Piazza wird man in Norddeutschland nicht hinbekommen. Und während im letzten Jahr kurz nach der Eröffnung einige Gerichte gut und nur ein paar extraordinary waren, ist inzwischen jeder einzelne Gang ohne Ausnahme ein Seafood Erweckungserlebnis. Also: italienisches Piazzaflair mit skandinavischer Seafoodbarkulinarik – dann verleihe ich hiermit, falls ihn irgendwer unbedingt nutzen möchte, den folgenden Titel: Das XO ist das Mailand-Kopenhagen Hamburgs.

    Ideal für: Essen, sehen und gesehen werden

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  • Bistro Hoàng Mai

    Bistro Hoàng Mai

    Ja, ich hab mir das alles auch anders vorgestellt. Ich dachte ehrlich gesagt dass ich spätestens bei meinem 100 Posts eigentlich nur noch in Wohnberechtigungsscheinfreien Stadtvierteln verkehre und bei meiner Ankunft in brokatbehangenen Sternerestaurants ungefragt schwere Teppiche und schwere Rotweine vor mir ausgebreitet werden. Dass ich “natürlich haben wir für Sie heute Abend noch einen Tisch frei” viel häufiger höre als “es gab wohl ein Problem mit Ihrer Kreditkarte”. Dass mein Lifestyle einfach insgesamt mehr Bill Gates als Billstedt ist. Falsch gedacht. Und wer ist dran Schuld? Na ihr. Weil die Posts die hier am besten gehen sind eben die von irgendwelchen Kaschemmen, die von außen eher aussehen wie n Handyshop als wie n Restaurant. Beziehungsweise was heißt hier “eher”? Um das Bistro Hoàng Mai momentan zu finden, muss man erstmal durch den gleichnamigen Asia Shop und dann den kleinen Durchgang suchen, hinter dem sich das Restaurant versteckt. Aber: Es lohnt sich. Die Pho Bo ist wirklich richtig, richtig gut, intensiv im Geschmack ohne den Fertigsuppenflavour, den man oft bei anderen Vietnamesen schmeckt. Und außerdem gibt es als Einlage hier nicht nur Rindfleisch sondern originalgetreu auch die Fleischbällchen, die sich kein Pho-Laden in den gentrifizierten Stadtteilen traut in seine Suppe zu machen, weil jeder Dulli dort denkt dass Filet das einzige Stück vom Tier ist, das nicht giftig ist. 

    Ich habs mal wieder getan. Ich bin mal wieder da hingegangen wo sich andere nicht hintrauen, all das nur für euch, die Likes und den Fame. Und wenn Jenfeld bald auch mal was von der Öffnung der Außengastro mitbekommen hat und das Hoàng Mai ein paar Stühle rausstellt werd ich wiederkommen, denn wenn schon die Pho so gut ist interessieren mich die restlichen Gerichte auch. Und wenn man mal ehrlich ist: so neben dem Brutalismus-Schlachtschiff namens Einkaufszentrum Jenfeld und der Nachbarschaft, in denen ausgestopfte Hosen als Blumenbeete dienen und ausgeblichene Deutschlandfahnen auf Betonbalkonen wehen, da wirkt das Bistro fast schon wie ein architektonisches Kleinod.

    Ideal für: kulinarische Ausflüge 

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  • Bistrot Vienna & Restart Gastro

    Bistrot Vienna & Restart Gastro

    Also erstmal n dickes Sorry. Sorry für das akwarde Aufhängen der Jacke, weil man ja wusste dass man selber nicht drinnen sein darf aber sich nicht so sicher war, ob das auch für die Oberbekleidung gilt. Sorry dass wir viel zu lange gebraucht haben um uns zu entscheiden. Aus verschiedenen Essensoptionen die perfekte Kombination aus Vorspeise und Hauptspeise herauszusuchen UND auch noch den passenden Wein ist nach so vielen Monaten ein Task den man gerne zur Bearbeitung der NASA geben würde. Sorry dass wir viel zu laut waren, das geht vor allem an den Tisch neben uns. Wir sind fremde Menschen nicht mehr wirklich gewohnt, die meisten neuen Leute, die wir in letzter Zeit kennengelernt haben, musste irgendwer aus dem Freundeskreise erst mal gebären (Danke aber dass ihr mit uns zusammen genau so laut und gut drauf wart). Sorry dass uns die Nachbarn egal waren, und wir noch einen und noch einen und noch einen bestellt haben. Sorry dass wir Hygieneunkonform von unseren gegenseitigen Tellern gegessen haben, weil alles geil war und das Vienna vom ersten Tag an exakt auf dem Niveau und auf der Wohnzimmerhaftigkeit war, für die es die Stammgäste so lieben. Sorry auch dass ich euch noch vor irgendeiner offiziellen Meldung des Senats, als die Öffnung quasi nur ein Gerücht im Äther der Mopo-Kommentarspalten war, penetrant getelefonterrorisiert habe, weil ich unbedingt einen Tisch am ersten Abend haben wollte. Sorry für das alles. 

    Aber eins muss ich dann doch sagen, stellvertretend für alle Gäste und Gastronomen dieser Stadt: 

    Schön, dass ich wieder da bin!

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    Ideal für: kleine Runden mit Freunden

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  • Pizzaperol

    Pizzaperol

    Mein absolut liebstes Philosophiephänomen ist der Dunning-Kruger-Effekt. Grob zusammengefasst besagt er, dass Laien sich oft wesentlich besser einschätzen als Profis, denn “die Fähigkeiten die man benötigt, um eine gute Lösung zu erarbeiten sind genau die Fähigkeiten die man benötigt, um eine gute Lösung zu erkennen.” Man überschätzt seine eigene Kompetenz und man unterschätzt die Kompetenz von kompetenten Personen, da man einfach nicht die Kompetenz hat, um Kompetenz überhaupt zu erkennen. Julian von Pizzaperol ist die Gegenthese zum Dunning-Kruger-Effekt. Er hat wohl irgendwann mal eine Pizza gegessen und mit einem gewissen Maße von vielleicht nicht Selbstüberschätzung, aber zumindest einem wenig erschütterlichen Glauben an sich selbst gesagt: “Das kann ich aber besser!” Und: er kann es tatsächlich besser. Die Pizzen, die er da gerade in seiner Wohnung mit halbprofessionellem Equipment backt gehören zu den besten, die ich je gegessen habe. Der Teig ist perfekt, wirft riesige Blasen und hat einen großartigen, quasi hefefreien Eigengeschmack. Das Sugo, das nur aus San Marzano Tomaten und ein wenig Salz besteht, schmeckt derart geil intensiv, dass ich mir relativ sicher bin, dass er einen Deal mit der Mafia eingehen musste, um an die Dosen zu kommen. Ich muss noch Tage später an diese Margherita denken und rufe den Geschmack immer wieder auf meiner Zunge hervor – und das ist etwas das sonst meist nur Sterneküche bei mir hinbekommt.

    Das ganze läuft gerade noch im privaten Rahmen für Family & Friends, aber Julian ist auf der Suche nach einer Möglichkeit, gerne an einem Samstag, in einer Bar oder einem Restaurant seine Pizzen für die Öffentlichkeit zu backen. Irgendeine Location, die eine einigermaßen professionelle Küche hat eben. Also liebe Gastrobubble, bitte mal umhören und sich gerne bei ihm melden. Denn es sollen noch ein paar mehr Leute in den Genuss der Pizzaperol-Pizzen kommen. Ich halte es nämlich für ausgeschlossen, dass sich jemand eine holt, probiert und in Ermangelung jeder Objektivität sich selbst gegenüber sagen wird: “Das kann ich aber besser!”

    Ideal für: Stromkastendinner

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  • Grilled Cheese Wonderland

    Grilled Cheese Wonderland

    Deutsche Comedians machen ja gerne Witze darüber, dass irgendwelche hippen InnenstädterInner mit dem SUV zum Biomarkt fahren und denken dann sie haben Humor durchgespielt. Schenkelklopfer, genial, wirklich fein beobachtet. Und wenn der nicht zündet haut man gerne das alte Bonmot raus, dass der Deutsche sich ja gerne einen Fünftausendeuro-Grill kauft, aber dann Würstchen für 50 Cent aus dem Discounter drauflegt. Megarofl, da kommen den BesucherInnen im Gemeindezentrum Oer-Erkenschwick einfach nur noch die Tränen.

    Auch wenn das Ziel dieses Witzes das Billofleisch sein soll muss man hier doch auch mal den hochwertigen Grill in Schutz nehmen. Denn so wichtig gute Zutaten natürlich sind, so kommt es eben doch auch drauf an, wie man Dinge erhitzt. (Wer mir nicht glaubt schaut sich bitte dieses TikTok-Video an, in der die Eine ein Steak im Toaster macht. Aber bitte tut mir einfach einen Gefallen und glaubt mir, das wollt ihr euch nicht antun.) Das Spektrum zwischen Essen erwärmen und Essen verbrennen ist breit und voller Gefahren und irgendwo dazwischen liegt perfektes Grillen. Und wer das mal live erfahren möchte, schaut bei Grilled Cheese Wonderland vorbei. Selten hab ich so ein perfekt gegrilltes Grilled Cheese gegessen, bei der knusprigen, karamellisierten Außenschicht vergisst man fast den Fakt dass da zwischen den Brotscheiben nicht einfach nur Cheese sondern Mac’ and Cheese warm vor sich hinschlotzt. Dazu kann man sich übrigens abgefahrene Dosenbiere mitnehmen, unter anderem mit Ananas, Passionsfrucht und Pfirsich. Aber lasst euch nicht von irgendwelchen Stand Uppern erwischen! Nichts lieben Boomer-Comedians mehr als das Deutsche Reinheitsgebot und wenn die Kleinkunstbühnen des Landes wieder aufmachen nur damit da irgendwelche Hot-Takes über Craft Beer verbreitet werden … dann haben wir aus der ganzen Sache echt gar nichts gelernt.

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    Ideal für: Auf die Hand

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